Textauszüge aus:
Helmut Schumacher / Klaus J. Dorsch:
A. PAUL WEBER:
Leben und Werk in Texten und Bildern
 



Hinweis: die angegebenen Abbildungsnummern verweisen
auf die entsprechenden Abbildungen im Buch und sind hier nicht einsehbar;
die Fußnoten werden am Ende des jeweiligen Kapitels aufgelistet.
 


1937 - 1945

Politische Haft

Die Macht des Nationalsozialismus festigte sich durch Gleichschaltung, Terror und Willkür. Aus den Reichstagswahlen vom 5.3.1933 ging die NSDAP mit 43,9 % der Stimmen als klarer Sieger hervor, besaß jedoch nicht die absolute Mehrheit. Noch im selben Monat wurde durch das „Ermächtigungsgesetz“ die politische Opposition ausgeschaltet. In zahlreichen Städten fanden Bücherverbrennungen statt. Unliebsame Personen wurden aus ihren Ämtern entfernt, andere politische Parteien verboten, ihre Repräsentanten verhaftet. Der deutsche „Volksempfänger“, ein preisgünstiges Radio, wurde 1933 auf der Berliner Funkausstellung präsentiert - in den ersten beiden Tagen verkauften sich bereits 100.000 Stück. Mit diesem wichtigen Instrument war die NS-Propaganda nun allgegenwärtig. Das Ergebnis der Reichstagswahlen im November 1933 brachte 92,2 Prozent der Stimmen für die NSDAP. Weber ging nicht zur Wahl. Mit einer Fülle von Maßnahmen errichteten die Nationalsozialisten in kurzer Zeit eine Alleinherrschaft. Auf dem Reichsparteitag 1935 in Nürnberg verkündete Hitler die „Blutschutzgesetze“. Die Berliner Olympiade im August 1936, die auch Weber gemeinsam mit seiner Frau besuchte, gestaltete sich zu einem gigantischen Propaganda-Unternehmen und erzielte damit einen Prestige-Gewinn für Hitler - auch gegenüber dem Ausland. 1936 sanktionierten die deutschen Wähler Hitlers Politik mit 99 Prozent der Stimmen bei den Neuwahlen zum aufgelösten Reichstag. Weber ging auch diesmal nicht zur Wahl, was in dem kleinen Dörfchen Groß-Schretstaken von den Nachbarn und vom Bürgermeister aufmerksam registriert wurde (Abb. 203).

Wegen seiner graphischen Angriffe auf Hitler betrachtete man Weber zunehmend mit Mißtrauen. Wie schnell sich die politische Lage und damit auch die Situation des Künstlers änderte, läßt sich an den Buchprojekten des Verlages „Tradition Wilhelm Kolk“ nachvollziehen: 1931 illustrierte Weber für den Verlag „Das Ehrenbuch der Feldeisenbahner“ (Anm. 01) mit 54, darunter 12 ganzseitigen, Zeichnungen. Das Buch sollte die Leistungen der Feldeisenbahn-Truppen im 1.Weltkrieg darstellen, zu denen auch Weber gehört und sich bereits 1918 in der Sondernummer „Unsere Eisenbahntruppen“ der „Leipziger Illustrirten Zeitung“ dieses Themas angenommen hatte. Aus dieser Publikation wurden etliche Zeichnungen wiederverwendet.
1932 folgte in ähnlicher Absicht im gleichen Verlag das von Franz Führen herausgegebene, über 500 Seiten starke Buch „Lehrer im Krieg“ (Anm. 02), das an die Verdienste deutscher Lehrer als Soldaten im 1.Weltkrieg erinnern sollte. Die Bücher waren nicht im freien Handel erhältlich, sondern konnten nur von den Kriegsveteranen und deren Familien subskribiert werden. Weber lieferte auch hierfür 54 Zeichnungen, welche zwar den Einsatz dieser Berufsgruppe in gebührender Form würdigten, jedoch den Krieg nicht verherrlichten, sondern oft das Leid und Elend in schonungsloser Offenheit zeigten. Auch in diesem Band wurden Webers Illustrationen durch über 300 Fotos ergänzt. In der 2.Auflage 1935 wurde der Name „A. Paul Weber“ im Impressum nicht mehr genannt. Dem Vorwort Franz Führens wurde in dieser Auflage ein ganzseitiges Hitler-Foto beigegeben. In einer 3.Auflage 1939 waren die Illustrationen Webers nicht mehr vertreten. Im Druckvermerk hieß es: „Das Manuskript dieses Werkes wurde von der Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums in Berlin ... durchgesehen, gesichtet und begutachtet.“ Ein neu hinzugefügter „Ausklang“ von Führen feierte die Leistungen Adolf Hitlers und den Glauben an die Zukunft. Daß der Name Webers suspekt geworden war, ist anzunehmen; sicher ist, daß seine vom Leid des Krieges zeugenden Illustrationen nicht mehr in die politisch verordneten Anschauungen der Zeit paßten.

Gleiches gilt für das ebenfalls 1932 im selben Verlag erschienene Buch „Stecowa. Phantastisches und Übersinnliches aus dem Weltkrieg“ (Anm. 03). Die Sammlung von 16 Kurzgeschichten, u.a. von Mitgliedern des „Widerstandskreises“ wie Arnolt Bronnen, Josef Drexel, Friedrich Hielscher, Franz Schauwecker und Hans Tröbst, der auch als Herausgeber fungierte, erzählte von seltsamen und unerklärlichen Begebenheiten. Thematisch war dies ganz Webers Metier. Die Erscheinung einer Mutter, die der Soldat im Schützengraben zu sehen glaubt, der Tod, der die Querflöte spielend auf den Schultern des Frontsoldaten sitzt oder mit einer nackten Frau auf einer Granate reitend vom Himmel stürzt sowie die Geistererscheinungen im Dorfe Stecowa (Abb. 204) sind in jener „wilden Phantastik“ gezeichnet, die Niekisch ihm attestierte. Der feine, nervöse Strich der Feder erinnert hier stark an Alfred Kubin, mit dem Weber manches verband. Eine derartige Sicht und Darstellungsweise, die vor allem auf die Allgegenwart des Todes abhob, paßte nicht in das heroische Bild, das die Nationalsozialisten vom 1.Weltkrieg gezeichnet haben wollten und machten Weber künstlerisch obsolet.

Gemälde Webers wurden - obgleich politisch belanglos - zum Ziel vandalistischer Attacken, die sich nun auch gegen den Künstler persönlich richteten. Er schrieb am 15.5.1934 an Georg Grote: „In Hamburg erfuhr man hinterher, daß ich den ‘Führer’ geschmäht habe - man wollte mich stellen - meine Bilder abkratzen!“

Das Bild „Im Hofbräukeller“ aus der Broschüre „Hitler - ein deutsches Verhängnis“, bei dem der Tod die Seifenblase mit dem Gesicht Hitlers aufbläst, wurde 1935 in einem Hetzartikel von Walter Hansen abgebildet, der unter dem Titel „Sie haben es doch wieder geschafft. Kleiner Schreckschuß für Verwandlungskünstler“ mehrere Künstler, darunter auch Walter Gropius, Cesar Klein und A. Paul Weber in gröbster Weise von nationalsozialistischer Seite aus diffamierte: „Dieser gewiß nicht unbegabte Zeichner und Maler hat es noch im Jahre 1932 fertiggebracht, mit einigen gemeinen Zeichnungen Führer und Bewegung zu beleidigen ... Von dem gleichen Künstler aber werden wahrscheinlich in Unkenntnis der Sachlage erneut eine ganze Reihe von allerdings durchaus einwandfreien Schiffsbildern im Tagesraum des hamburgischen Jugendherbergsschiffes ‘Hein Godewind’ ausgestellt. Sie wurden vom Künstler gestiftet. Wir wollen nur hoffen, daß es den Künstlern der marxistischen Epoche, die unseren Führer und die Bewegung beschimpft haben, nicht weiter gelingen möge, sich durch verfängliche Gaben zu rechtfertigen und daß aus diesem Grunde auch die Bilder von A. Paul Weber ... verschwinden. Der Führer sagte 1933 in Nürnberg: ‘Es ist dabei auch unmöglich, daß ein so sich herabwürdigender Mann plötzlich wieder umlernen und Besseres schaffen könnte ...’“ (Anm. 04) Abgesehen von der nationalsozialistischen Polemik bleibt festzustellen, daß Alfred Toepfer das 1943 zerstörte Jugendherbergsschiff für seine Heimatstadt gestiftet hatte. Weber stattete es auf dessen Auftrag und Kosten hin aus, wie die anderen Jugendherbergen Toepfers zuvor. Die Bilder, u.a. ein Porträt des Gorch Fock und eine Ansicht des Leuchtturmes Neuwerk, wurden also nicht von Weber gestiftet. Da sämtliche Jugendorganisationen gleichgeschaltet waren, ging das Schiff in den Besitz der Hitlerjugend über. Heinrich Hartmann berichtete später, am 28.1.1960, diesbezüglich Weber in einem Brief: „Ich konnte damals in einem Gespräch mit Herrn v. Schirach die schriftlichen Angriffe eines Denunzianten entkräften, konnte ihm bei dieser Gelegenheit eine Menge Ihrer Arbeiten, die ich gesammelt hatte ... zeigen und erreichen, dass er dem Druck dieser Angriffe nicht nachgab.“

Da nun die Jugendorganisationen der Nationalsozialisten auch die übrigen von Weber ausgestatteten Jugendherbergen Toepfers nutzten, schlug dem Künstler da, wo man ihn als Urheber ausmachte, Mißtrauen entgegen. Er berichtete später von einem Besuch der Jugendherberge Schwarzburg in Thüringen: „Als das III.Reich schon angebrochen war, bin ich einmal nachts in Schwarzburg angekommen. Man konnte da frei wohnen. Da war gerade eine Tagung vom BDM [= Bund Deutscher Mädel]. Die Weiber waren schlimmer als die Jungens. Der Wirt machte im Dunkeln auf, und wie er mich sieht, da erschrickt er und sagte ‘Hauen Sie ab’. Die hätten mich gerupft. Die hatten meine Bilder verhängt. Ich hatte doch den Führer geschmäht. Da habe ich gleich kehrt gemacht und bin oben in Schwarzburg ins Hotel zum ‘Weißen Hirsch’ gegangen.“ (Anm. 05)

Weber schilderte einmal seinen Eindruck vom Verhältnis anderer Künstler zum Nationalsozialismus in einem Brief vom 15.5.1934 an Georg Grote: „Wissen Sie, daß ich in Bln [= Berlin] die Barlachausstellung gesehen habe. Ich habe viel mit heimgenommen - und war ganz glücklich - ich sah nicht viel Graphik von ihm. Ich kann es mir schwer vorstellen, daß dieser Mensch sich fügt und heute zu allem Ja sagen kann - Nolde hat das - er quittierte die Maßregelung, die ihnen widerfuhr mit einem begeisterten Bekenntnis zum Staat. Hörten Sie davon?“

Emil Nolde wurde 1934 Mitglied der „Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig“, die 1935 mit der NSDAP in der NSDAPN (Nationalsozialistische Arbeiterpartei in Nordschleswig) gleichgeschaltet wurde. Trotz seiner Mitgliedschaft in der NSDAP wurden Noldes Werke 1937 als „entartet“ diffamiert und er selbst 1941 aus der Reichskunstkammer ausgeschlossen. Weber schätzte Nolde trotz seiner völlig anderen Kunstauffassung. An die Familie Grote schrieb Weber Anfang 1935: „Ich weiß nicht was Bricher in seinem Buch über Nolde sagt - ich mag sehr den Grund aus dem heraus er schafft - das Elementare - eine rechte reine Kraft -“.

Inzwischen war es für Künstler obligatorisch, Mitglied in der Reichskulturkammer zu sein, die bereits 1933 eingerichtet worden war und Reichskunstkammer und Reichsschrifttumskammer beinhaltete. Barlach war, obwohl mit dem Vorwurf der „Rassenfeindlichkeit“ seiner Kunst stigmatisiert, bereits 1933 in die Reichskulturkammer eingegliedert worden. Weber verweigerte sich zunächst und wurde erst nach seiner Haftzeit vereinnahmt. Vielleicht hatte man den unbequemen Oppositionellen aber auch gar nicht gewollt. Die „Hauptstelle Kulturpol. Archiv“ schrieb noch am 31.10.1938 auf eine entsprechende Anfrage an den Reichsführer SS - Chef des Sicherheitshauptamtes in Berlin: „Es ist uns nicht bekannt, ob A. Paul Weber in den letzten Jahren sich bemüht hat, ein vollwertiges Mitglied der deutschen Volksgemeinschaft zu werden. Bevor hierüber nicht ausreichende Beweise vorliegen, können wir nicht empfehlen, ihn als Mitglied der Reichskulturkammer aufzunehmen.“ (Anm. 06)
Später schrieb Weber rückblickend: „Der zwangsweisen Gleichschaltung aller Künstler in Reichskunst- und Reichsschrifttumskammer konnte ich mich nach der Machtergreifung 5 Jahre entziehen und hatte mich dafür zu verantworten - nach meiner Erfassung habe ich nie auch nur einen Pfennig Beitrag gezahlt - (man mußte sich selbst einstufen und die Beiträge entrichten).“ (Anm. 07)
In der NSDAP war Weber zu keiner Zeit Mitglied.

Die Verhaftung

Wohl anläßlich eines Treffens des „Widerstandskreises“ (Anm. 08) in einer Jagdhütte bei Nürnberg wurde Niekisch am 22.3.1937 verhaftet - in den darauf folgenden Wochen 70 weitere Mitglieder des „Widerstandskreises“. In einem Gestapo-Bericht hieß es: „ Obwohl der Widerstands-Verlag ... durch die ... herausgegebenen Bücher und Broschüren wiederholt zu Beanstandungen Veranlassung gab, gelang es erst im März 1937 gegen Ernst Niekisch und seine Frau erfolgreich polizeilich einzuschreiten. Da sich nach längeren polizeilichen Ermittlungen, die in Zusammenarbeit mit der Staatspolizeistelle Nürnberg geführt wurden, herausstellte, dass der „Widerstandskreis“ ... in seiner zersetzenden Form weiterbestand und sich immer mehr ausbaute, wurde am 22.3.37 eingeschritten. ... Die fortgesetzten Ermittlungen führten zu weiteren Festnahmen, so dass sich die Zahl der wegen Vorbereitung zum Hochverrat in Haft befindlichen Schutzhäftlinge z.Zt. auf 57 Personen beläuft.“ (Anm. 09)
Weber blieb zunächst noch unbehelligt und schrieb am 14.4.1937 an Alf Depser: „ ... bei Niekisch soll die Anklage auf Hochverrat! lauten - Vorerst scheint es, als hätte man mich abgeschrieben.“ Er gründete diese Hoffnung auf seine persönliche Distanzierung zu Niekisch in der letzten Zeit. Seit der Herausgabe der Monographie von Fischer gab es Zwistigkeiten, damals wollte Niekisch die Bildtitel ändern, was Weber verärgerte. Daß man ihn trotzdem von offizieller Seite so wenig beachtete, mag erstaunen, war doch den zuständigen Stellen bekannt, daß die Artikel in der Zeitschrift „Entscheidung“ „teilweise mit verächtlichen Zeichnungen von A. Paul Weber geschmückt“ (Anm. 010) waren und der Broschüre „Hitler - ein deutsches Verhängnis“ „einige Zeichnungen von A. Paul Weber beigegeben [waren], die zeigen sollten, wie das Deutsche Volk unter Führung des Nationalsozialismus dem Untergang entgegengeht.“ (Anm. 011) Dennoch übersah man offenbar, daß Weber als Mitherausgeber der Zeitschrift „Widerstand“ fungierte und nannte in einer „Aufstellung verbotener Schriften“ (Anm. 012) statt seiner August Winnig, der zwar seit 1927 Mitherausgeber gewesen war, sich aber Ende Januar 1930 zurückgezogen hatte.

Während die Öffentlichkeit noch unter dem Schock der Nachricht stand, daß das Luftschiff „Hindenburg“ kurz vor der Landung bei New York in Flammen aufgegangen war, wurden im Juni 1937 weitere Mitglieder des „Widerstandskreises“ verhaftet, darunter auch Alfred Toepfer. Noch am Vorabend seiner Verhaftung versuchte man vergeblich, ihn zum Eintritt in die NSDAP zu bewegen. Die Gestapo warf ihm partei- und staatsfeindliche Umtriebe, unter anderem laufende Unterstützung des „Widerstandskreises“ Ernst Niekischs vor. Parallel dazu lief eine Anklage der Staatsanwaltschaft wegen Devisenvergehen in Verbindung mit der Goethe-Stiftung, die nicht bei der Devisenstelle gemeldet und deren Vermögen ablieferungspflichtig sei - offensichtlich wollte man Zugriff auf das Stiftungsvermögen Toepfers nehmen.

Im Zuge der Maßnahmen gegen ihn wurden dann bei vier weiteren Personen Untersuchungen vorgenommen, so auch bei Weber. (Anm. 013) Am 1.7.1937 durchsuchte die Gestapo Webers Haus in Groß-Schretstaken. Man traf ihn dort jedoch nicht an und beschlagnahmte drei Waschkörbe voll Zeichnungen, Büchern und Briefen. Über diese Aktion gibt ein Bericht der Gestapo vom nachfolgenden Tag Auskunft: „Auf Grund eines fernschriftlichen Ersuchens der Stapostelle Nürnberg Nr. 7751 vom 29.6.37 wurde am 1. Juli 1937 die ... Privatwohnung des Kunstmalers Andreas Paul Heinrich Weber, ... einer staatspolizeilichen Durchsuchung unterzogen. ... Nach Aussagen seiner Ehefrau Toni Auguste Weber, ... ist Paul Weber am Tage der Durchsuchung etwa um 7.00 Uhr nach Gut Thansen ... gefahren. Aus dieser Fahrt Paul Webers ist zu schließen, daß er nach wie vor zu Alfred Toepfer freundschaftliche Beziehungen unterhält.
Bevor die Amtshandlung in der Wohnung des Kunstmalers Weber durchgeführt wurde, wurden von den ausführenden Beamten bei dem zuständigen Bürgermeister von Groß-Schretstaken, der gleichzeitig Ortsgruppenleiter der NSDAP ist, Erkundigungen über Paul Weber eingezogen. Der Bürgermeister erklärte, daß er Paul Weber persönlich kenne, dieser jedoch im Ort wenig zu sehen sei. Immerhin sei Weber anläßlich der letzten Volksabstimmung dadurch unliebsam in Erscheinung getreten, daß er nicht zur Wahl erschienen sei und auf die Aufforderung der von dem Ortsgruppenleiter entsandten SA-Männer, nunmehr zur Wahl zu kommen, erklärt habe, er müsse dies ablehnen, da er das nicht mit seinem Gewissen vereinbaren könne. Ueber diesen Vorfall will der Bürgermeister in seiner gleichzeitigen Eigenschaft als Ortsgruppenleiter der NSDAP seiner vorgesetzten Parteidienststelle Meldung erstattet haben. Außerdem konnte der Bürgermeister noch berichten, daß Paul Weber auf seinem Grundstück grundsätzlich - nicht einmal anläßlich der Nationalen Feiertage - keine Flagge zeigt. ... Anläßlich der Durchsuchung wurde noch ein von Weber geschaffenes lebensgroßes Oelgemälde im Wohnzimmer bemerkt, das einen hohen Zollbeamten in Uniform darstellte. Auf Befragen erklärte die Ehefrau Weber, daß dieser Zollbeamte ein Regierungsrat Dröger [= Tröger] sei, der Mitglied der Widerstands-Bewegung gewesen wäre. ...
Unmittelbar nach der Rückkehr in die Diensträume der Staatspolizeistelle Hamburg, wurde der zuständige Gendarmeriemeister in Amelunghausen [= Amelinghausen], Schneider, fernmündlich ersucht, noch am gleichen Tage den auf Gut Thansen weilenden Kunstmaler Paul Weber für die Gestapo festzunehmen und alle bei ihm gefundenen Sachen vorläufig sicherzustellen.“ (Anm. 014)
Man beschlagnahmte in Webers Haus drei Jahrgänge des „Widerstandes“, 35 Bücher aus dem Widerstands-Verlag, je eine Broschüre „Rundschreiben Unseres Heiligsten Vaters Pius XI.“ und „Unser heiliger Vater Papst Pius XI.“ (Anm. 015), Schriftwechsel und Mappen, „enthaltend alle in der Wohnung befindlichen Zeichnungen und Skizzen Webers mit Ausnahme der gezeichneten Charakterköpfe und anderer, politisch tendenzloser Darstellungen.“

Weber wurde noch am selben Abend verhaftet und vom Dorfpolizisten im Spritzenhaus der örtlichen Feuerwehr „sicher verwahrt“. Am 5.7. lieferte man ihn ins Polizeigefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel ein, wo er bis zum 26.8. verblieb.

Als Hans Schmidt-Gorsblock durch Pastor Schmidt-Wodder von Webers Verhaftung erfuhr, schrieb er diesem am 8.7.1937 sogleich: „Man kann nur schmerzlich erstaunt sein, über eine solche Nachricht. Auch bei seiner Charakterstärke muß es ihn schwer angreifen, wo er doch selber mitgehört zu den gesunden und aufbauenden Kräften. Sinnlos bleibt die Maßnahme auf jeden Fall, denn man wird ihn vielleicht brechen, aber niemals beugen können.“

Toni Weber antwortete am 11.7.1937 Hans Schmidt-Gorsblock auf dessen besorgten und mitfühlenden Brief, in dem er anbot, die Kinder vorsorglich nach Nordschleswig zu holen: „Sie werden sich kaum vorstellen können, wie wohl mir Ihr Brief getan hat! Zumal da in Deutschland die Freunde, die es wagen, zu uns zu halten, nicht gerade sehr zahlreich sind. Für mich wäre die Last viel leichter zu tragen, wenn man wüßte, was wirft man meinem Mann vor, was geschieht mit ihm, wie lange hält man ihn fest! Diese fürchterliche Ungewißheit martert einen.“ Der Abgeordnete der deutschen Volksgruppe im Dänischen Folketing, Pastor Schmidt-Wodder, schrieb am 21.7.1937 an Hans Schmidt-Gorsblock über Weber: „Er ist [als] politischer Gefangener in Fuhlsbüttel untergebracht, während Toepfer als Untersuchungsgefangener in Hamburg sitzt. Es ist im Grunde nicht gerade günstig, als politischer Gefangener zu gelten, und wenn Frau Weber das nicht weiß, würde ich ihr das nicht sagen.“

In der Strafanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel war 1933 ein Konzentrationslager eingerichtet worden, die Bezeichnung „KZ“ durfte aber ab 1936 nicht mehr offiziell geführt werden, wenngleich es in der Öffentlichkeit unter dieser Bezeichnung noch weiter firmierte. Weber erhielt dort die Erlaubnis zu zeichnen, (Anm. 016) denn zwischen dem 8.8. und dem 24.8. entstand eine 16teilige Folge von Bleistiftzeichnungen für Holzschnitte, sog. „Risse“, zur Gudrun-Sage (Abb. 205). Anhand der Datierungen läßt sich feststellen, daß er täglich ein Blatt zeichnete. Die Herstellung von Holzschnitt-Stöcken oder gar deren Druck war natürlich im Gefängnis nicht möglich - es ist für diese Folge auch später nie dazu gekommen.

In einem undatierten Brief aus Fuhlsbüttel gab Weber seiner Frau allerlei Anweisungen: „Das Papier - was Du mir mitgebracht hast - ist etwas zu dünn - aber vorerst ging es ja damit - nimm bitte eine Musikermappe und lege in der Größe geschnittene 5 Bgn. von dem Bütten oben im Fremdenzimmer unterm Bett [bei], ebenso von dem gelblichen Bütten im großen grünen Tisch 10 Blatt rauhes und 15 Blatt glatt ... 1 Schachtel Rötel dünn rund, 1 kl. Flache Fixativ mit Spritze, 1 größeres Fläschchen Tusche und Halter und Federn Nr.3 und 3 1/2 mit Aufstecker, Bleistifte Nr.2 und 1, 1 gr. weiches Gummi und 1 Stck. Knetgummi ... Ich arbeite an Holzschnittentwürfen zum Gudrunlied allerdings habe ich vieles vergessen - sodaß Du nun das Buch schicken mußt ... es steht im Bücherschrank in der Wohnstube.“ Toni holte „am Freitag“ die schmutzige Wäsche ab und Weber schrieb, daß er noch über ausreichend Kragen und Taschentücher verfüge. Selbst um die Wünsche der Kinder machte er sich Gedanken: „Was treibt denn Mölle [= Hartmut] immer, wenn Du auf Achse bist? Sein Rad muß er haben und wenn ich später dafür die ganze Familie des Fahrradhändlers porträtieren muß ...“

Unter dem Druck eines Gestapo-Verhöres am 9.7.1937 sagte Weber schließlich aus, daß er „um die Weihnachtszeit 1935“ wegen „vorausgegangener Meinungsverschiedenheiten belangloser Art mit Ernst Niekisch“ aus der Leitung des Widerstands-Verlages ausgeschieden sei und die im Verlauf der weiteren Zeit an ihn gesandten Rundbriefe Niekisch zwar erhalten, aber „von Fall zu Fall verbrannt“ habe. (Anm. 017) In diesem Verhör versuchte Weber, auf den urdeutschen Aspekt seiner Arbeiten hinzuweisen, um sich den Nationalsozialisten möglichst positiv darzustellen.

Auch Alfred Toepfer verfolgte ähnliche Ziele. Fast zeitgleich - am 10.7.1937 - schrieb er aus der Haft einen Brief an seinen Anwalt Dr. Otto Heinrich Droege - mit einer Kopie an die Gestapo. Darin distanzierte er sich von Niekisch, versuchte jedoch, Weber in einem für die Nationalsozialisten günstigeren Licht erscheinen zu lassen, wobei er allerdings nur sehr allgemeine Aspekte aufzeigen konnte: „ ... ich meine, man muss Künstlern gegenüber hier nachsichtig sein. Weber ist im Grunde seines Herzens m. E. politisch absolut harmlos und beeinflussbar. Aber er hat seinen Stolz. Er hätte sich mit dem neuen Reich längst ausgesöhnt, wenn nicht immer wieder seine Sünden aus der Vorzeit ihm in dieser oder jener Form vorgehalten und verargt worden wären. ... Die gehässigen Produkte seines Pinsels muss man nicht dem Künstler zuschreiben sondern dem Auftraggeber. Man denke an andere Maler etc., die in alten parlamentarischen Zeiten Plakate oder Witzblätter zeichneten. Man sehe sich an, was Weber in den letzten vier Jahren in Hamburg, im Burgenland und auf dem Lande in meinem Auftrag gemalt hat. Es dürfte nichts darunter sein, was irgendwie auch nur den leisesten Anstoss erregen könnte, aber sehr vieles, was erhebt und begeistert. Man sehe sich den Saal im Studentenhaus, Neue Rabenstr., das Sitzungszimmer im VDA Haus-Esplanade, den Hein Godewind, das Freiherr v. Stein Haus, Leutegemeinschaftsräume etc. an. Vielleicht muss man es mir hoch anrechnen, dass ich Weber auf diese Weise im Lande gehalten habe. Ohne mich wäre er wahrscheinlich brotlos gewesen, ausser Landes gegangen und hätte dann draussen möglicherweise im Stil von 1932 weiter Bosheiten verbrochen ... Als er, längere Zeit vor der Machtergreifung, sich mit Niekisch als Mitherausgeber des Widerstandes zusammentat, habe ich Weber gewarnt und ihm erklärt, dass sich der Künstler hier in einer untragbaren Weise belaste. ... Unter der Voraussetzung, dass nichts Schwerwiegendes gegen Weber vorliegt, plädiere ich, ... , für Nachsicht ihm gegenüber. ... Künstler sind eigenwillig und wollen besonders genommen werden. Dann lässt sich alles aus ihnen machen. Schlechter Einfluss muss natürlich ausgeräumt werden. Vielleicht bemüht sich die SS durch geeignete Persönlichkeiten einmal ganz ernstlich darum, den Weber ein für alle Mal in die rechte Front einzureihen. Ich glaube, es wird sich lohnen. Nach seiner ganzen Haltung passt er, bekehrt und geläutert, dorthin.“ (Anm. 018)

Ungeachtet solcher Bemühungen brachte man Weber für eine Woche nach Berlin ins Polizeigefängnis am Alexanderplatz und am 3.9. schließlich nach Nürnberg ins Polizeigefängnis in der Ludwigstraße. Zwei Tage später schrieb seine Frau Toni an Alf Depser: „Ich durfte ihn nochmal sprechen! Es hat ihn sehr erschreckt, er hat anscheinend Angst vor dem Ungewissen, denn der Abschied ist ihm sehr, sehr schwer gefallen ich habe mich, da ich merkte, wie es um ihn stand, tapfer gehalten, bis er gegangen war. Aber der Schreck war mir in die Glieder gefahren, ich war ganz apathisch.“
Eine handschriftliche Liste (Anm. 019) gibt Auskunft über die Habseligkeiten, die ihm im Gefängnis belassen wurden: Ein Hemd, ein Nachthemd, Unterhosen, ein Handtuch, 20 Taschentücher, 4 Kragen, ein Waschlappen, zwei Schachteln Schuhcreme, Butter, Marmelade, Zigarillos, Streichhölzer und Waschzeug. Unter den zwei Büchern, die er bei sich hatte, war eine Ausgabe der Gudrun-Sage sowie das Buch „Die Söhne der Weißgerberin“ von Hjalmar Kutzleb, das er 1925 bereits illustriert hatte. Eine Monographie über Goya und ein Kalender „Deutscher Kampf“ von 1936 mit Graphiken Webers sind in der Liste getilgt. Weiterhin hatte er eine gut sortierte Malausrüstung bei sich: eine Mappe mit Zeichenpapier, einen Zeichenblock, 29 Zeichnungen, Pinsel, Palette, Ölfarben, Bleistifte, Gummi, Kreide, Rötel, Spachtel, zwei Flaschen Malmittel, Fixativ, Tusche, Lappen. Eine kleine Staffelei ist aus der Liste gestrichen.

Die Haftbedingungen Webers schienen äußerlich erträglich, wenngleich der Umstand, ohne konkrete Anklage inhaftiert zu sein - die Anklage wegen Hochverrats gegen Niekisch vor Augen - sicherlich psychisch schwer belastend war (Abb. 206). Dennoch schrieb Toni Weber am 14.10.1937 an Alf Depser: „Von unserem Vater haben wir immer ganz gute Nachricht! Er schreibt, er kann so gut arbeiten wie selten. Wir müssen schon zum 3. Male Papier hinschicken. Obst und was er sonst gerne haben will, darf er kaufen.“ Besuche waren - anders als in Hamburg - wegen der großen Entfernung kaum möglich. Die Wäsche wurde nun im Gefängnis gewaschen, Toni mußte dafür Geld schicken. Lebensmittelsendungen waren untersagt. Die Kinder schickten selbstgemalte Bilder, die Weber eingehend würdigte und kommentierte. Die Gefängnisordnung sah nur alle zwei Wochen einen Brief vor, der selbstverständlich überprüft wurde. Am 27.9.1937 schrieb Weber: „Liebe Toni! Briefe schreiben immer eine Woche Du - die nächste ich - ich immer knapp und kurz - das ist erwünscht - bessere Abwicklung!“

Zu seinem 44.Geburtstag am 1. November schickte seine Frau - trotz des Verbotes - Kuchen, Marmelade und Fotos von sich und den Kindern sowie Medizin, die der Heilpraktiker Emil Stramke besorgt hatte.

Inwieweit Weber durch seine viele Arbeit - es entstanden während der Haft etwa 150 Werke, wobei häufig Blätter doppelseitig bezeichnet wurden - die Gefährlichkeit der Situation zu verdrängen suchte, mag dahingestellt sein. Später erzählte er launig Peter Rühmkorf: „Habs eben als Abenteuer genommen ... Sonst war ich aber - na, vergnügt will ich nicht gerade sagen - aber immer gedacht, die Ohren auf, die Augen, immer ganz genau hingucken, hinhören, hinriechen - so auf die vier Jahre hatte ich mich schon eingerichtet.“ (Anm. 020) Weber knüpfte Kontakt mit „einigen SS-Bewachern, die keine Nazis waren, und die mich - was glauben Sie! - mal mit Bier und mal mit Reispudding und dann sogar mit Marmelade versorgt haben ...“ (Anm. 021), wofür er sich mit kleinen Zeichnungen oder der Reparatur einer Intarsienarbeit revanchierte. Das Wichtigste für ihn aber war, zeichnen zu dürfen und das Material dafür zu erhalten, das Toni ihm schicken mußte.

Erstaunlich ist, daß Weber auch während seiner Haftzeit Aufträge annehmen konnte: So korrespondierte er ab Mitte November mit Hans Schmidt-Gorsblock über ein „Diplom des Landwirtschaftlichen Hauptvereins Nordschleswig“, mit dem treue Dienste von Knechten und Mägden belobigt werden sollten, und sandte ihm zahlreiche Entwurfsskizzen. (Anm. 022) Schmidt-Gorsblock übertrug Weber diesen prestigeträchtigen Auftrag wohl auch, um dessen Wertigkeit für den nationalen Volksgedanken herauszustellen und ihm möglicherweise damit zu helfen.
Neben weiteren Aufträgen für Schmidt-Gorsblock wie Beiträge zum „Deutschen Volkskalender Nordschleswig“, schuf Weber 35 mit Buntstift sorgfältig ausgearbeitete Entwürfe für Möbel, meist Truhen, die nicht - wie die Entwürfe für die Höfe Toepfers - als Arbeitsanleitungen für die Handwerker, sondern für sich als eigenständige kleine Kunstwerke stehen. So sind den Möbeln stets Accessoires wie etwa eine Kasperpuppe oder eine gefüllte Obstschale beigefügt und alle Arbeiten sorgfältig mit Signatur, Datum und sogar der Ortsangabe „Nbg.“ für Nürnberg versehen (Abb. 207).

Hinzu kamen noch Risse für Holzschnitte, aus denen eine zweite „Grenzland-Mappe“ entstehen sollte. Die erste Mappe mit neun Holzschnitten erschien 1932. Eine zweite Folge mit 16 Motiven wurde 1938 im Artikel „Grenzland“ angekündigt: „Die Grenzland-Mappe wird aber in 1-2 Monaten zum Preise von 6-7 RM ... erscheinen und ferner wird die „Clan-Presse“ die einzelnen Holzschnitte als Handdrucke, 19,5 x 28 cm groß, für 5 RM und handkoloriert 8 RM pro Blatt herausbringen.“ (Anm. 023) Die Motive „Die Flut“, „Die Truhe“, „Im fremden Rock“ und „Nachbarskinder“ kennen wir nur aus einer Auflistung der geplanten Titel. Als in Bleistift gezeichnete Risse für den Holzschnitt sind „Die Hauschronik“, „Der Ahnen Gräber“, „Der schmale Acker“ (Abb. 208), „Sonnenwende“ und „Die Mutter“ nachweisbar. Ausgeführte Holzschnitte liegen von den Motiven „Der alte Herd“, „Das Erbe“, „Verurteilt“, „Steine“, „Grenze“ und „Muttersprache“ vor. Die beiden letzten wurden auch in Kalendern und im Deutschen Volkskalender Nordschleswig zu Gedichten von Hans Schmidt-Gorsblock veröffentlicht. Ein Erscheinen der gesamten Mappe kann jedoch nicht nachgewiesen werden.

Eine Bildfolge, die Weber Anfang November begann, sollte den Titel „Was treibt da am Strand sein Wesen“ (Anm. 024) tragen - der Tod im grotesken Spiel mit den Badegästen. Es blieb bei etwa 10 lockeren Skizzen, die jedoch einen interessanten Einblick in die Arbeitsweise des Künstlers geben und zeigen, wie sicher er auch schwierige Bewegungsabläufe ohne Modelle oder Vorlagen mit schnellem Strich aus freier Hand zu erfassen vermochte (Abb. 209).

Die Waldbilder

Daß die Strandbilder nicht weiter gediehen, mag daran gelegen haben, daß Weber sich von November bis zum Ende der Haftzeit Mitte Dezember einem anderen Zyklus von Federzeichnungen „was alles im Walde so vor sich geht“ (Anm. 025) zuwandte. Er schrieb an Hans Schmidt-Gorsblock: „Es ist für mich eine große, viel bedeutende Arbeit - die Zeichnung ist ... 30 x 40 cm! Ich studiere dabei das Buch vom Deutschen Wald von Carl W. Neumann.“
Viel später, am 18.12.1952, erinnerte sich Weber: “Wie ich damals in den vier Wänden diese Welt des Waldes lebendig machte - das geschah aus einer großen Sehnsucht heraus, ... das war schon sehr beglückend.“ (Anm. 026)
Von der im Umfang von 40 Motiven geplanten Folge sind 17 Skizzen sowie 10 ausgeführte Motive bekannt: Die Pilzfrau, der Maler, der tote Förster, der Wilderer, das Liebespaar, Susanne von Strolchen belauscht, der morsche Baum, die Bäuerin, Eulenschrei (in zwei Fassungen) und der Waldschrat (Abb. 210). Das Motiv des Waldschrates, der glücklich und fast wie unsichtbar verwachsen in der Gabelung einer alten Weide liegt, mag als verkapptes Selbstbildnis Webers gesehen werden, denn er wurde wenige Jahre zuvor von Friedrich Hielscher, einem Mitglied des „Widerstandskreises“, wegen seiner Instinkthaftigkeit und Naturverbundenheit als solcher bezeichnet. (Anm. 027)
In dem Brief an Hans Schmidt-Gorsblock und einer handschriftlichen Aufstellung vom 4.11.1937 nannte Weber noch weitere 15 geplante Motive (Anm. 028), von denen sich einige in den Skizzen erkennen lassen.

Die Waldreihe entstand ohne äußere Veranlassung. Der passionierte Wandervogel, der in der Enge seiner Zelle von der geliebten Natur abgeschnitten war, zeichnete sich seinen Freiraum, sprach selbst von „Kunst als Trost in der Zelle“ (Anm. 029). Gleichzeitig befreite er sich hier auch von dem Zwang Toepferscher Aufträge und zeichnete einige der wenigen Werke in seinem damaligen Schaffen, die zutiefst ihm selbst gehörten, Glück und Angst, Freiheit und Bedrohung, Leben und Tod widerspiegelten und nicht Pflichterfüllung oder gar ungeliebter Broterwerb waren. Webers Sicht auf den Wald und die Natur birgt Morbides, Unheimliches und Bedrohliches in sich: Die badende Susanne (!) wird - wie die biblische Susanna auch - von zwei Voyeuren beobachtet; ein Förster liegt, von seinem Dackel betrauert, tot am Boden (Abb. 211) und selbst die ihre Notdurft verrichtende Bäuerin (Abb. 212) wird vom Tod bedroht, dessen Fratze sich bei genauem Hinsehen in den Zweigen entdecken läßt. Deutlicher sichtbar zeichnete Weber ihn in einer zugehörigen Skizze (Abb. 213).
Das Blatt „Der Maler“ (Abb. 214) zeigt den Künstler in der Konfrontation mit der undurchdringlichen Kulisse des Waldes, seine Begegnung mit dessen elementarer Urwüchsigkeit. Der Wald wird als lebendiger Organismus verstanden.

Weber stellte einige dieser Bilder 1941 aus, u.a. acht Motive in der Preußischen Akademie der Künste in Berlin und im Graphischen Kabinett beim Verein Berliner Künstler, wo sie - in ihrer geistigen Verwandtschaft von den Ausstellungsmachern richtig erkannt - neben Werken Kubins hingen. Weber berichtete über diese Ausstellung am 26.6.1941 an Walther Obermiller: ... die Bäuerin ist eine derbe Junge - die .... ihr Wasser läßt - der Reichsnährstand hat schon leisen Anstoß daran genommen. Doch hängt sie noch und am Sonntag ist der letzte Tag.“

Die Schachbilder

Um besser mit den psychischen Belastungen seiner Situation fertig zu werden, spielte Weber mit sich selbst Schach. Er formte aus zerkautem Zeitungspapier kleine Schachfiguren - schwarze aus den bedruckten Teilen, weiße aus den Rändern (Abb. 215).

Aus dieser Beschäftigung entstand die Idee zu einer Motivreihe, die ihn bis zu seinem Lebensende immer wieder beschäftigte: Er stellte die unterschiedlichsten menschlichen Konfrontationen mit der Metapher des Schachspieles dar. „Damals in Nürnberg kam mir nachts, als ich schlaflos auf meiner Pritsche lag, die Idee, das Thema Schachspiel zu dokumentieren. Dieses Spiel hat mich seit meiner Jugend ... gereizt, ja geradezu fasziniert. Am nächsten Tag hatte ich schon sieben oder acht Blätter gezeichnet ...“ (Anm. 030)
So ließ Weber etwa im Hinblick auf soziale Konflikte einen mittelalterlichen Landsknecht gegen den Kaufmann („Pfeffersack“) spielen, einen Hofbankier gegen seinen Fürsten, den dürren Jesuiten gegen einen dicken Spießbürger oder einen Kolonialherren gegen einen Eingeborenen, die sich mit ihren Waffen gegenseitig unter dem Tisch bedrohen („Schwarz und Weiß“). Bei allen Darstellungen erfaßte Weber treffend den Gemütszustand der Spieler und damit den Stand des Spiels. Bestimmte Partiestellungen auf dem Brett lassen sich jedoch nicht erkennen, weit mehr faszinierte ihn die psychologische Komponente des Spiels und seiner Beteiligten.
Manche Motive nahmen sich religiöser Konflikte an, wie „Freigeist und Papst“ oder „Die feindlichen Brüder“, wo ein katholischer gegen einen evangelischen Geistlichen spielt. Eine Partie zeigt Papst Gregor VII. gegen Kaiser Heinrich IV. Seine Fähigkeit zur Karikatur kam besonders in den Darstellungen politisch-historischer Konflikte zum Tragen: So spielt Napoleon III. verlustreich gegen Bismarck, Prinz Eugen schlägt die Türken, der „Alte Fritz“ tröstet Maria Theresia mit einer angebotenen Prise Schnupftabak über die Teilung Polens im Jahr 1772 hinweg - Webers weinende österreichische Kaiserin geht auf ein Zitat Friedrichs des Großen „Sie weinte, aber sie nahm“ zurück. Napoleon I. verliert gegen den russischen Winter (Abb. 216). Ob in diesem Motiv, das auf den desaströsen Rußlandfeldzug Napoleons zielte, auch eine Warnung vor Kriegsgelüsten Hitlers in Richtung Osten gesehen werden kann, sei dahingestellt, ist bei diesem Blatt zu diesem Zeitpunkt aber eher unwahrscheinlich und kam in dem später entstandenen Motiv „1812“ deutlicher zum Ausdruck.
Weitere Motive waren „Diplomaten“, die sich gegenseitig einseifen, „Mars und Venus“, „Robinson Crusoe und Freitag“, zwei Generäle, Eulenspiegel und Fuchs, Wurst und Kohl (Abb. 217), Tod und Teufel, Hase und Igel, ein Soldat des 1.Weltkriegs, der gegen eine personifizierte britische Corned-Beef-Dose spielt, Dschingis Khan - ein Panoptikum, wie es vielfältiger kaum sein kann.
Weber nannte die Folge auf einem der Blätter „Komm - wir spielen ein Partiechen“. 28 Motive sind erhalten oder aus Veröffentlichungen bekannt. (Anm. 031) Der Zyklus der kleinformatigen, fast stets kolorierten Federzeichnungen entstand in der kurzen Zeit zwischen dem 4.12. und 10.12. und sollte zu einem „Schachspiel der Weltgeschichte“ (Anm. 032) ausgebaut werden, bei dem das kleine Schachbrett zu einem Spiegel der großen Ereignisse wird, zu einer Metapher für die dialektischen Gegensätze der Welt.
Eine Skizze, zu der kein ausgeführtes Blatt vorliegt, zeigt Kasper und Gendarm als Gegner (Abb. 218). Möglicherweise hatte Weber, der sich mit der Figur des Hofnarren, der ungestraft die Wahrheit kundgeben durfte, oft identifizierte, diesen Konflikt mit der Obrigkeit auch auf seine eigene Situation bezogen.
Ein anderes Blatt fällt aus der Reihe der symmetrischen Bildkompositionen mit je zwei Gegnern heraus: Ein Mann liegt allein auf der harten Holzpritsche einer Zelle und spielt gegen sich selbst Schach. Obgleich der Mann altertümliche Kleidung trägt und an spätere Zeichnungen des Künstlers zum eingekerkerten Villon erinnert, ist die Parallele zu Weber unverkennbar.

Die Entlassung

Freunde hatten mit einer Hilfsaktion für den Inhaftierten begonnen: Der Hamburger Anwalt Walther Siemers, der Fischmarkt-Apotheker und berühmte Kubin-Sammler Kurt Otte und der Berliner Maler Felix Krause stellten eine Mappe zusammen, die entlastende Dokumente, darunter wohl auch Zeichnungen mit nationalen, patriotischen Themen enthielt. Es sollte ein „Rechtfertigungsschreiben“ beigefügt werden sowie ein „Antrag“, mit dem Angebot Krauses zur Stellung einer Kaution von 11.000 Reichsmark für Webers Entlassung. (Anm. 033) Interessant ist, daß Krause in dieser Rechtfertigung Webers bemüht sein mußte, alles darzulegen, was auch nur im mindesten dazu beitragen konnte, Weber in den Augen der Nationalsozialisten zu „rehabilitieren“. So hob Krause den aufrechten, urdeutschen Charakter Webers und seine Leistungen als Soldat im 1.Weltkrieg hervor, bemerkte dessen „treue und aufopfernde Vaterlandsliebe“ und betonte die Streitigkeiten zwischen Weber und Niekisch, sprach sogar von einem „Bruch“ zwischen beiden. (Anm. 034) Auf künstlerischem Gebiet konnte er die Feststellung machen, daß sich „neben dem Kämpfer auch der tiefliebende Romantiker“ offenbare und wies auf die Grenzlandthematik, vor allem die Jugendherbergen und die „Ausgestaltung von Arbeiter-Wohnstätten“ hin. Sogar Webers Abneigung gegen die ungegenständliche Kunst wurde ins Feld geführt - ein geschickt angebrachter Aspekt, hatten doch die Nationalsozialisten kurze Zeit vorher, am 19.7.1937, die Ausstellung „Entartete Kunst“ in München eröffnet.
Webers Freunde hofften, daß Edgar Brinkmann, Direktor des Hamburger Tageblattes und Mitglied des Reichskultursenats, mit Hilfe dieses Materials auf einen „maßgeblichen Mann in Nürnberg“ - wohl Dr. Richter von der Reichspressekammer - würde Einfluß nehmen können, um Weber zu helfen. Brinkmann flog tatsächlich mit den Unterlagen nach Nürnberg und wurde in Begleitung des Rechtsanwaltes Siemers und Dr. Richter vorgelassen. In der Folge kam es zu weiteren Hafterleichterungen für Weber, etwa Ausgang im Hof oder häufigerer Briefwechsel. (Anm. 035) Der Rechtsanwalt schrieb im Anschluß, am 29.10.1937, an Felix Krause: „Bei unserer eingehenden Rücksprache gewannen wir aber den Eindruck, dass auch die Staatspolizei der Meinung ist, dass Weber an den Unternehmungen von Niekisch nicht beteiligt war. ... Herr Weber ist, damit er für Vernehmungen zur Verfügung steht, im dortigen Polizeigefängnis untergebracht und wird ... soweit es im Rahmen eines Gefängnisbetriebes möglich ist, wirklich sehr gut behandelt. Er erklärte uns gleich am Anfang unaufgefordert, dass er ausgezeichnet hätte arbeiten können und nach seiner Meinung sehr viel gutes bereits geschaffen habe.“

Parallel dazu bat Weber den alten Freund Fritz Goetze, der im Sommer aus den USA nach Deutschland gekommen war, um Bereitstellung einer Kaution, die dieser aber nicht sofort aufbringen konnte, da sein Geld „hier gesperrt“ sei. (Anm. 036)

In den Handakten des Oberreichsanwalts beim Volksgerichtshof in der Strafsache gegen Weber wurde vermerkt, daß gegen 112 festgenommene Mitglieder des „Widerstandkreises“, „kein ausreichender Verdacht einer zur Zuständigkeit des Volksgerichtshofes gehörenden Straftat“ (Anm. 037) bestünde. Auch bei Weber wurde lediglich geprüft, inwieweit er die von Niekisch vorbereiteten Schriften „Deutsche Mobilmachung“ und „Geheimnis des Reichs“ gekannt haben konnte, derentwegen man Niekisch den Prozeß wegen Vorbereitung zum Hochverrat machte. Weber konnte nicht nachgewiesen werden, daß er von diesen Manuskripten gewußt oder an der diesbezüglichen Tagung des „Widerstandskreises“ bei Nürnberg teilgenommen hatte.

Den Ausschlag zur Haftentlassung gab schließlich wohl eine Kaution von 18.000 Reichsmark, die zu gleichen Teilen von den Freunden aus dem 1.Weltkrieg Felix Krause und Fritz Goetze aufgebracht worden war. So wurde Weber am 15.12.1937 aus der Haft entlassen. Er schrieb am Tag darauf an Hans Schmidt-Gorsblock: „Seit heute morgen ist die Familie wieder beisammen! Der Wanderer ist wahrhaft glücklich und faul liegt er lang und läßt sich pflegen.“

Weber selbst führte seine Entlassung später auch darauf zurück, daß sich sein Streit mit Ernst Niekisch um die Bildtitel der Fischer-Monographie hier positiv bemerkbar gemacht hätte. In einem Brief an Gerhard Grasshoff vom 24.7.1978 hieß es: „Ernst äußerte sich in Briefen dazu an Drexel sehr scharf und machte Äußerungen (Die Gestapo erwischte den größten Teil der Post) die mir das Leben retteten ...“

Die Verhaftung von Niekisch und der Nürnberger Widerstands-Gruppe, die neben der Berliner als die wichtigste galt, war vor allem durch die Einschleusung eines Gestapo-Spions in den „Widerstandskreis“ ermöglicht worden. Niekisch wurde am 22.3.1937 festgenommen. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung hatte die Gestapo die gegen die Nationalsozialisten gerichteten Manuskripte gefunden, darunter auch jenes, das 1953 unter dem Titel „Das Reich der niederen Dämonen“ erschien. Der Volksgerichtshof unter dem Vorsitz des berüchtigten Präsidenten Dr. Otto Thierack (Anm. 038) verurteilte Niekisch am 10.1.1939 wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu lebenslänglichem Zuchthaus. Die Mitangeklagten Joseph Drexel und Karl Tröger wurden zu Zuchthausstrafen von drei Jahren und neun Monaten bzw. zu einem Jahr und neun Monaten verurteilt.
Acht politisch maßgebende Widerstands-Mitglieder wurden in einem zweiten Verfahren wegen Verbrechens gegen § 2 des Gesetzes gegen die Neubildung von Parteien vom 14.6.1933 verurteilt, da es sich beim „Widerstandskreis“ um eine „verbotene politische Partei“ gehandelt habe. Ein diesbezügliches Verfahren gegen Weber wurde am 4.11.1939 eingestellt, da eine Verurteilung - wie bei den übrigen Mitgliedern auch - wohl nur ein Strafmaß von unter sechs Monaten ergeben hätte, „wobei der § 2, Abs.1 Zif.2 des Gesetzes über die Gewährung von Straffreiheit vom 30.4.1938 Anwendung gefunden“ hätte. Dieser Paragraph eines Gesetzes, das die Reichsregierung aus Anlaß der „Wiedervereinigung“ Österreichs mit dem Deutschen Reich beschlossen hatte, besagte, daß anhängige Verfahren für Straftaten aus politischen Beweggründen vor dem 1.5.1938, die zu Freiheitsstrafen von unter sechs Monaten geführt hätte, eingestellt werden mußten. (Anm. 039)

Die Reise in die USA

1938, im Jahr nach der Haftentlassung, (Abb. 219) versuchte Weber verzweifelt, Aufträge zu erhalten u.a. fertigte er neun Holzschnitte für eine Festschrift „Treue um Treue“ (Anm. 040) zum 100. Geburtstag von Max Krause, dem Gründer der gleichnamigen Papierfabrik. Dessen berühmter Werbe-Slogan „Schreibste mir, schreibste ihr, schreibste auf M.-K.-Papier“, der in einem der Holzschnitte verewigt wurde, ist auch heute noch vielen geläufig. Die Arbeit war aber auch ein Dank Webers an Felix Krause, einen der Söhne Max Krauses.
Ebenfalls aus Dankbarkeit für die Unterstützung während der Haftzeit malte Weber ein Ölporträt von Kurt Otte (Abb. 220).

Finanziell ging es Weber schlecht. In mehreren Briefen aus den Jahren 1938 und 1939 bat er seinen Freund Alf Depser (Anm. 041) um Verzeihung, eine Geldschuld nicht zurückzahlen zu können: „ ... ohne Umschweife - mir geht es in jeder Beziehung dreckig - ich habe zwischendurch 4 Glasfenster entworfen und von dem Ertrag bekommst Du endlich - fast nach einem Jahr oder schon darüber die noch versprochenen 50 Mk. mit Zinsen - wenn Du mir mitunter geflucht hast - so finde ich es berechtigt und für mich beschämend. - Doch die Haushaltssorge - das ist ein Kapitel - und die Zukunft ist nur rosig- weil es bisher eben immer so über alle Klippen weiter ging. - Dabei gehe ich kräftig an Arbeiten (ohne Auftrag von jemandem dazu) daß ich bald nicht weiß - wo damit beginnen.“

So nahm Weber im Herbst 1938 sicherlich gerne die Einladung von Fritz Goetze an, ihn in den USA zu besuchen. Dieser leitete die Firma Goetze Gasket & Packing Company in New Brunswick (Anm. 042) und bot an, für alle Kosten der Reise aufzukommen - Weber könne doch als Gegenleistung einige Porträts von Familienmitgliedern malen. Die Schilderungen Goetzes klangen verlockend: „Paul, Du machst Dir keine Vorstellung, aber ich garantiere, dass es das größte Erlebnis für Dich wäre. Unberührte Natur. Ich war am Golf von Mexico fischen. Es wimmelt von Haifischen, Alligatoren und anderen Schönheiten, Motive kann ich Dir sagen!“ (Anm. 043) Webers Familie mußte zurückbleiben, da die Gestapo eine Ausreise verweigerte und auch Weber selbst die Ausreise nicht leicht gemacht wurde. So fuhr er allein am 26.1.1939 von Cuxhaven aus nach New York. Dort beeindruckte ihn der Central Park, das Metropolitan Museum mit den Werken von Goya und Daumier, die er in einem Brief vom 5.3.1939 besonders erwähnte und fortfuhr: „ ... landete im Madison Square Garden! Sah dort Boxkämpfe - diesen Donnerstag am gleichen Platz: Eis Hockey - ich studiere dabei immer gründlich die Menschenmasse. Hier boxt auch der Schmeling!“ (Anm. 044) An die Tochter Ulrike schrieb er: „Ich wünschte immer - ich hätte Euch alle mal hier und ihr könntet das alles mit sehen - allein Blicke an den Wolkenkratzern hoch - so am Abend - wenn alle Fenster leuchten.“ Weber fuhr schließlich über New Jersey nach Florida. Er malte mehrere Ölgemälde, darunter Porträts und exotische Landschaften (Anm. 045) in den Sümpfen der Everglades (Abb. 221). „Am besten gefiel mir schon die unberührte Natur - unten in Florida - dort, wo die Mücken wirken, die Pelikane klappern und die Alligatoren mit den Schwänzen wackeln ... Nach meiner Isolierung tat mir diese kleine Erholung gut. Sie wissen noch nicht, daß erstere ein eigentlich großes Erlebnis war. Gesundheitlich gerade nicht - aber ich durfte ungehemmt schaffen.“ (Anm. 046)

Eine Emigration kam für Weber seiner Familie wegen nicht in Frage, zumal seine Frau mit dem fünften Kind schwanger ging. Auch wäre es für den vaterlandsliebenden Künstler undenkbar gewesen, Deutschland in schweren Zeiten den Rücken zu kehren. So traf Weber am 8.4.1939 wieder in Hamburg ein - in einem Deutschland, von dem in wenigen Monaten die Katastrophe des 2.Weltkrieges ihren Ausgang nehmen wird.

Die jüngste Tochter, nach der Mutter Toni (Anm. 047) genannt, kam am 3.7.1939 zur Welt.

Kontakte zur „Griffelkunst-Vereinigung“

Ein äußerst wichtiger Faktor - künstlerisch wie wirtschaftlich - war für Weber die Griffelkunst-Vereinigung in Hamburg. Entstanden aus der Arbeiterbildungsbewegung wurde 1925 die „Griffelkunst“ als gemeinnütziger Kunstverein gegründet. Ziel war es, durch genossenschaftlichen Zusammenschluß und Abonnementsbezug den Erwerb von künstlerischer Druckgraphik zu erschwinglichen Preisen zu ermöglichen. Hierfür wurde auf Numerierung und Auflagenlimitierung der Blätter verzichtet. Für einen niedrigen Beitrag konnte man - zunächst in Hamburg, später dann im gesamten Bundesgebiet - mehrmals im Jahr aus verschiedenen Graphik-Angeboten auswählen.

Erste Kontakte zu Johannes Böse, dem Leiter der Vereinigung, kamen bereits 1938 zustande; im Sommer 1939 begann die offizielle Zusammenarbeit. Von diesem Jahr an bis zu Webers Tod (und darüber hinaus) wurden seine Lithographien, gelegentlich auch Holzschnitte, den Mitgliedern zur Auswahl angeboten. Der Erfolg, den Weber damit hatte, war so gewaltig, daß man 1951 einen eigenen „Weber-Kreis“ einrichtete. (Anm. 048) Insgesamt lieferte Weber bis zu seinem Tod der Griffelkunst fast 150 Werke, davon 52 für den „Weber-Kreis“. Die Verbindung mit der Griffelkunst brachte eine gewisse finanzielle Sicherheit durch regelmäßige Abnahme und vor allem durch einen umfangreichen Abnehmerkreis. So war es ihm erstmals seit seiner Haftzeit wieder möglich, Graphiken in einer hohen Auflage von bis zu 300 oder 400 Stück pro Motiv auf den Markt zu bringen und damit ein verhältnismäßig großes Publikum zu erreichen. (Anm. 049) Mehrfach veranstaltete die Griffelkunst für ihre Mitglieder Ausflüge, um den Künstler in seinem Atelier in Groß-Schretstaken zu besuchen

Weber zeichnete die Motive für die Griffelkunst in der Hamburger Druckerei der Gebrüder Sülter direkt auf den Stein, der dort auch gedruckt wurde. Er schrieb im Exposé zu dem geplanten Verzeichnis seiner Lithographien: „Ein Versuch, wieder selbst zu drucken mißlingt - ich zeichnete groß ‘Die Ablösung’ - die Ätzung mißglückt und die Pause geht weiter - bis die Begegnung mit Johannes Böse (dem Gründer der Griffelkunst-Vereinigung) mich zu Sülter führt - nach Hamburg in die Caffamacherreihe, wo er schräg vom Rahmenmacher Bejuhr [= Bejeur] gegenüber seine Druckerei - oben unterm Dach hatte.“

Weber nutzte die Technik der Kreidelithographie, die er bereits 1930 für die Illustrationen zum Buch „Demokratenspiegel“ von Mencken angewandt hatte. Er zeichnete dabei mit einer fetthaltigen Kreide auf eine geschliffene und gekörnte Platte aus Solnhofer Kalkstein. (Anm. 050) Das Fett der Kreide dringt in den Stein ein und zieht eine ebenfalls fetthaltige Druckfarbe, die aufgewalzt wird, an sich, während durch gleichzeitiges Feuchthalten des Steines die Fettfarbe an den unbezeichneten Stellen abgestoßen wird - eine Technik, die 1798 von Aloys Senefelder erfunden worden war, der zunächst damit Manuskripte billig zu drucken gedachte und erst später erkannte, wie revolutionär sein Verfahren für den Druck von Bildern war: Bislang konnten Abbildungen nur über den Hochdruck (z.B. Holzschnitt oder Holzstich) oder den Tiefdruck (z.B. Kupferstich oder Radierung) reproduziert werden, die beide keine optimalen Grauwerte erlaubten, während das Flachdruckverfahren der Lithographie selbst feinste Grauwerte zu drucken vermochte.
Weber bevorzugte zunehmend diese Technik, weil sie eine hohe Vervielfältigung ermöglichte, ohne dabei auf die subtilen Möglichkeiten der Handzeichnung verzichten zu müssen, da dieses Druckverfahren für den Künstler auf dem Stein eine ähnliche Arbeitsweise zuläßt wie auf Papier.

Die Lithographie war als Medium für Satire und Kritik prädestiniert, wie schon Daumier eindrucksvoll gezeigt hatte. Die besondere Befähigung, Träger von „Botschaften“ und nicht nur von rein dekorativen Werken zu sein, resultiert nicht zuletzt aus der Genese dieser Technik, die ursprünglich für den Druck von Schriften gedacht war.

Der eigentliche Druckvorgang für Webers lithographische Werke erfolgte bei Sülter durch den Drucker Johannes Dibbern. Weber selbst hatte schlechte Erfahrungen mit dieser Technik gemacht. An den Künstlerfreund Alf Depser schrieb er: „ ... einen Stein recht körnen - ätzen und davon drucken ist eine große Kunst. Ich habe die Finger davon gelassen weil man zuviel Lehrgeld zu zahlen hat und nicht zum Ergebnis kommt - man muß diese Dinge eigentlich jahrelang betreiben und dahinter [sein] - um zur 1 a Leistung zu kommen - Ich habe bei Gebr. Sülter einen alten Drucker nur für die Lithographie wie Du sie ganz selten nur noch in der Welt antriffst - den Herrn Dippern [!] und der macht mir alles.“ Erst 1949 ging Weber unter Mithilfe seines Sohnes Christian dazu über, die Steine auch selbst zu drucken.

Webers Auftakt bei der Griffelkunst im Herbst 1939 muß einen gewaltigen Eindruck gemacht haben, obwohl der Maler hier „nur“ mit Graphik auftrat. An Georg Kallmeyer schrieb er am 14.3.1940: „Die Ausstellung in Hamburg-Langenhorn war für mich ein großer Erfolg ... - es war nur Graphik - um so mehr freut es mich daß ich durch Ihre Aktivität wieder zur Farbe greifen kann - ich habe Sehnsucht danach ... Ich lege den Artikel bei - nicht um etwa zu imponieren - aber zu zeigen - wie ich aus meiner stillen Zurückgezogenheit auf den Plan gerufen wurde.“
Die acht (Anm. 051) großformatigen Motive, die von ihm zur Wahl gestellt wurden, zeichneten sich durch - zwar weitgehend verallgemeinerte, jedoch erkennbare - aktuelle politische Bezüge aus. Eines der Bilder konnte sogar „von der Griffelkunst zum Kriegsbeginn nicht offiziell ausgehängt, sondern nur ‘außer der Reihe’ zuverlässigen Freunden zur Wahl gestellt und ausgehändigt werden. ... Das Blatt wurde umfangreich subskribiert.“ (Anm. 052) Schon sein Titel „Das Verhängnis“ (Abb. 222), weckte eine Assoziation an das berühmte Motiv „Deutsches Verhängnis“ von 1931/32, dem hakenkreuzgeschmückten Sarg aus der Broschüre „Hitler - ein deutsches Verhängnis“. Nach der Haftzeit Webers war bereits dieser Titel ein Wagnis. Der riesige Tod sprengt hier auf seiner ebenso gewaltigen Schindmähre als apokalyptischer Reiter verderbenbringend über die flüchtenden, stürzenden Volksmassen hinweg. Das großartige Blatt steht in seiner Eindringlichkeit inhaltlich ähnlichen Schöpfungen wie dem „Koloß“ von Goya oder dem „Krieg“ von Kubin nahe.
Ebenso mutig und aktuell war angesichts des fast gleichzeitigen Polenfeldzuges Hitlers das Blatt „Der Aufbruch“: Der Tod zieht hier seine Stiefel an, während das Pferd im Pferch das Unheil wittert.
Es gab auch zwei lieblichere Motive in der Wahl: Der „Waldschrat“ war eine Weiterentwicklung der gleichnamigen Federzeichnung aus der Waldbilder-Folge; „Haas und Swinegel“ zeigte den toten Hasen nach dem legendären Wettlauf. Ob auch dieses Motiv - wie von Zeitzeugen behauptet - als „politische Chiffre“ (Anm. 053) gemeint war, sei dahingestellt.
Das Motiv „Der schmale Acker“ stammte aus der Thematik der „Grenzland-Mappe“. Zwei weitere Bilder „Der Ignorant“ und „Der Dickfellige“ nahmen den Umgang der Zeit mit (mißliebiger) Kunst aufs Korn: Im ersten läuft ein dicker Mann mit Elefantenfüßen schonungslos über Kunstwerke, im zweiten sitzt ein Dicker auf einem Stapel von Ölbildern und Graphikmappen. Daß ein Motiv wie „Der Ignorant“ nicht unbedingt als Kritik der nationalsozialistischen Zensur verstanden wurde, zeigt die Veröffentlichung dieses Blattes 1940 im Heft 37 der Zeitschrift „Die Woche“, wo es folgendermaßen gedeutet wurde: „Einer, der alles verachtet, was er nicht begreift; einer, der als Maß der Welt nur seine eigene Elle gelten läßt; einer, der mit der ganzen Faust zustößt, wo nur ein Tippen mit dem kleinen Finger zum Erfolg führt; einer, der mit aufgehobener Nase ... den Kindern mitten in die Spielfiguren läuft ... - der Elefant im Porzellanladen.“
„Das Verlangen“ (Abb. 223) zeigte einen Mann, der versucht, aus einem Pferch zu entkommen, jedoch von zahlreichen anderen, deren Hände sich unübersehbar wie zum Hitlergruß emporstrecken, an den Rockschößen zurückgezogen wird. Das Verlangen nach Individualität oder gar „Ausstieg“ wurde in der Massenbewegung des Nationalsozialismus nicht geduldet.

Die in dieser ersten Phase der Zusammenarbeit mit der Griffelkunst herausgegebenen Lithographien sind nicht nur inhaltlich, sondern auch künstlerisch ein wichtiger Schritt in der Entwicklung Webers. Die lithographische Kreide ermöglichte einen weichen Strich, der im Zusammenspiel mit der Formsicherheit Webers (die Lithographie läßt kaum Korrekturen zu) im Gegensatz zu den bisherigen feinnervigen Federzeichnungen durch die Tonigkeit ein neues Volumen der Figuren und Bildräume erlaubte. Weber schrieb an den Künstlerfreund Alf Depser, dem er zuvor so frustriert über die Schwierigkeiten mit der Technik der Lithographie berichtet hatte: „ Ich habe mich in das Material so verbissen, daß ich nicht mehr davon lassen kann.“ (Anm. 054)

Auch 1940 war Weber in der „freien Wahl“ mit zwei satirischen Blättern dabei: „Der Bürokrat“ - eine Schnecke mit Blindenbrille - und „Kasper am Grabe“. Wer oder was hier begraben wurde - ob Hitler, der kurz vorher einem Attentat in München entging, das Deutsche Reich, das den Krieg verlieren wird oder Kritik und Satire, die nicht mehr erlaubt waren - blieb der Phantasie der Betrachter überlassen.

Im Kriegsjahr 1941, in dem die Griffelkunst eine erste Weber-Ausstellung präsentierte, zeichnete der Künstler einen Gärtner, der in einer trostlosen Wüste aus Felsen und Steinen sitzt, sowie ein mit Wohlstandsgütern beladenes, sinkendes Boot („Im Sinken“ (Anm. 055)) und ein Blatt mit „Kasper und Gendarm“ (Anm. 056). Der Grundgedanke dieser Bilder war es, politisch Aktuelles geschickt zu verallgemeinern, so daß sie unterschiedliche Interpretationen zuließen und von offizieller Seite nicht beanstandet werden konnten. Die Lithographie „1812“ zeigte einen erfrorenen Soldaten vom gescheiterten Rußlandfeldzug Napoleons, bei dem sicherlich der damalige Betrachter seine Parallelen zum Rußlandfeldzug Hitlers zog, der im Juni 1941 begonnen hatte. (Anm. 057)
Daß solche Anspielungen verstanden wurden, zeigt eine unter den Soldaten kursierende Verballhornung des beliebten Liedes „Lili Marleen“: „Entlang der langen Rollbahn / marschiert ein Bataillon. / Es ist der letzte Rest / von unserer Division. / Wir wollten nur mal Moskau sehn, / drum mußten wir jetzt stiften gehn / wie einst Napoleon.“ (Anm. 058)
Versteckte Kritik übten auch „Die Geduldigen“ (Abb. 224), die Weber schon 1935 in einer ähnlichen, jedoch seitenverkehrten Fassung lithographiert hatte. (Anm. 059) Narr und Fuchs - beides Lieblings- und Identifikationsfiguren des Künstlers - haben sich vor einer Flut auf eine Weide gerettet und warten nun ab. Über das Motiv erzählte man sich allerlei Geschichten, so etwa, gleichgesinnte Nazi-Gegner hätten das Blatt als geheimes Erkennungszeichen bei sich zuhause aufgehängt. Der Vorschlag der Griffelkunst-Leitung war eine Umbenennung in „Wann sinken die braunen Fluten?“ worauf Weber zur Antwort gab: „Ja, wenn man das wüßte!“ (Anm. 060)
Später schrieb er: „Es ist eine Zeichnung, die in getarnter Form sagt: Habt Geduld! diese Tyrannei wird eines Tages zusammenbrechen - wird ein Ende haben! Dieses Blatt hing damals in großen Ausstellungen - z.B. in Berlin im Kronprinzenpalais und - auf die es gemünzt war - die merkten nichts von seinem Sinn ... Ich bekam unter anderen eine Bestellung mit den Worten ‘schicken Sie mir bitte einen solchen Druck, ich gehöre auch zu den Geduldigen.’“ (Anm. 061)

Johannes Böse (Abb. 225), der sich um Politik nur am Rande kümmerte, war 1937 in die NSDAP eingetreten, um die Griffelkunst-Arbeit weiter fortsetzen zu können. Jedoch herrschte bei der Griffelkunst eine politisch neutrale Atmosphäre. Die Tochter, Gerda Böse, erinnerte sich: „ ... die Griffelkunst wurde als Asyl angesehen. Wenn mal versehentlich einer mit ‘Heil Hitler’ hereinkam, schämte er sich fast und ging bestimmt still oder mit ‘Auf Wiedersehen’ wieder fort. Je schwieriger die Zeiten wurden, desto mehr Mitglieder sammelten sich bei uns, weil sie spürten, daß hier noch echte Werte vermittelt wurden.“ (Anm. 062)

Die Griffelkunst-Editionen gaben Weber auch die Möglichkeit, frei von einem Auftrag eigene Bildideen umzusetzen. Er schrieb am 31.12.1941 an Heinrich Bodenstein: „ ... jetzt aber muß ich unbeirrbar weiter marschieren und nur an das Freimachen eigener Antriebe - selbst gewählter Arbeiten denken.“

Direkt auf den Krieg, vielleicht auf die Bombardierung der nahegelegenen Stadt Lübeck am 28./29.3.1942, nahm eines der sieben im selben Jahr bei der Griffelkunst vorgestellten Blätter Bezug: „Die Sirene“ (Abb. 226). Mutig auch ein anderes Motiv - „Mars in Nöten“. Der römische Kriegsgott schöpft verzweifelt Wasser aus seinem sinkenden Boot. Die Aussage über die Erfolgsaussichten des 2.Weltkrieges war nicht zu übersehen.
Neben dem Blatt „Die Schlacht“ (Abb. 227) waren in diesem Jahr mit „Flucht in die Liebe“, „Drama im Garten“ und dem „Orchideenjäger“ auch drei heitere Motive vertreten.

Besonders der „Orchideenjäger“ (Abb. 228) - Anregung zu diesem Blatt dürfte der Florida-Aufenthalt Webers gewesen sein - erinnert an Motive von Carl Spitzweg und Lithographien von Honoré Daumier. Überdies war Weber im Besitz einer Mappe mit Original-Graphiken dieses französischen Künstlers und schätzte vor allem dessen zarten Strich mit der Lithokreide, den er nachzuahmen suchte. Das Gefühl geistiger Verwandtschaft mochte auch aus der Parallelität einiger Lebensfacetten herrühren. (Anm. 063)

Weber hatte mit seinen Kreide-Lithographien auch weiterhin Erfolg: Er berichtete am 24.3.1943 Theo Schneider: „ ... bei der Griffelkunst Ausstellung zeigte ich an die 50 Blatt neuer Arbeiten - von den 6 Wahlblättern - die ich eigens für die Mitglieder schaffte - wurden 500 Blatt bestellt - das ist bisher nicht dagewesen und das Rennen machte die Sirene [Abb. 226] - ein warnendes Weib schreiend am Nachthimmel über den Dächern aus so einer Heulapparatur heraussteigend - am Horizont die ersten Scheinwerfer. In Berlin bauten Rike [= Tochter Ulrike] und ich die RAD [= Reichs-Arbeitsdienst] Ausstellung auf wo ich 18 Blatt zeigte - aber nachts kamen wir in den Angriff hinein - ich war z.Zt. von Rike - die im Hospiz war - getrennt erlebte in der Leipz.-Str. diesen Segen - rings ums Hospiz brannte es aber Rike war heil mit ihr meine sämtlichen Arbeiten - am nächsten Tag machte ich in Hbg. das gleiche mit - ich sammelte also neue Motive ...“
Wenig später wurden alle Lithosteine Webers, die in Hamburg bei Sülter lagerten, durch einen Bombenangriff zerstört. Er schrieb am 13.8.1943 an Werner Kreie (Anm. 064): „Ich wanderte in Hamburg durch viel Ruinen und was ich dabei verlor muß zu verschmerzen sein - was bleibt anderes übrig - es lag mir auf der Seele - das aus nächster Nähe mit anzusehen und bei allen Freunden das ausgeglühte Nichts - die Trümmer vorzufinden - so langsam laufen von überall her die Lebenszeichen ein.“ (Abb. 229)

1943 gab es keine Wahl mit Bildern Webers, allerdings wurde im Frühjahr von der Griffelkunst eine große Ausstellung zu seinem 50.Geburtstag veranstaltet. 1944 stellte die Griffelkunst sieben Holzschnitte Webers - allesamt ältere Produktionen mit unpolitischen Themen - zur Wahl, da die Präsentation von kritischen Blättern nun wohl zu gefährlich gewesen wäre; 1945 und 1946 war Weber nicht vertreten, obwohl Johannes Böse ihm am 9.11.1945 einen Vorschuß von 500 Reichsmark anwies und ihn aufforderte, die Arbeit an fünf neuen Motiven aufzunehmen. Die Ausführung verzögerte sich aber immer mehr; erst 1947 kam es dann wieder zu einer regelmäßigen Präsenz von Graphiken Webers in den Bilderwahlen.

Die Verbundenheit mit der Griffelkunst dokumentierte sich auch darin, daß Weber später, 1949, im Auftrage der Vereinigung ein eigenes Signet (Anm. 065) für die Griffelkunst entwarf - einen Graphik-Sammler, der in einer Mappe blättert. Dieses Signet fand als Blindstempel und Wasserzeichen auf den Druckpapieren, aber auch auf Briefköpfen, Plakaten, Einladungen und als Stempel Verwendung.

„Britische Bilder“

Mit den „Britischen Bildern“ (Anm. 066), einem umfangreichen, im Kern ca. 50 Motive umfassenden Zyklus, der sich kritisch mit der Geschichte, der Politik und den sozialen Zuständen im britischen Commonwealth auseinandersetzte, gelang Weber, der seit seiner Entlassung aus der Gestapo-Haft kaum Aufträge erhielt, der große Durchbruch und die öffentliche wie auch offizielle Anerkennung, die ihm so lange versagt geblieben war. Sie stellen einen Höhepunkt seiner künstlerischen Entwicklung dar.

Aus den Ideen und Vorstellungen des „Widerstandskreises“ und Webers eigener nationaler Einstellung heraus motivierte sich der Inhalt der gewaltigen Folge, zu der letztlich über 500 Skizzen und Varianten entstanden und an der Weber wie besessen arbeitete.
Seine Einschätzung des britischen Weltreiches als Prototyp der bürgerlichen Staats- und Gesellschaftsordnung der Westmächte ging von den antiwestlichen und antiimperialistischen Vorstellungen Niekischs aus. In dessen Buch „Die dritte imperiale Figur“ (Anm. 067), das 1935 erschienen war und das Weber buchkünstlerisch ausgestattet hatte, entwickelte Niekisch ein Geschichtsbild, das den Lauf der Weltgeschichte aus dem Gegensatz der verschiedenen Herrschaftsprinzipien begriff. Er sah den Reichtum Großbritanniens erwachsen aus der Ausbeutung „freier Männer“ und ganzer kolonialer Völker sowie aus der „Knechtung der Lohnarbeiterschaft innerhalb des Nationalstaates mit der gleichen eigennützigen Härte.“

Genau dies war der Inhalt der Bildfolge Webers: Kolonisation und Unterwerfung fremder Völker mit allen Mitteln, unerbittliche Verfolgung eigener wirtschaftlicher Interessen, Ausbeutung der Arbeiter im eigenen Land und innenpolitische Mißstände des Empire. Weber zeigte in den Bildern diese Schwachpunkte mit scharfer Kritik auf, formulierte sie jedoch ohne Haß und ungerechtfertigte Polemik. Die in der Nazi-Propaganda stets anzutreffende übertriebene Diffamierung des Gegners in einem primitiven, auf Massenwirkung ausgerichteten Stil, lag Webers Werken fern. Dies zeigte sich auch, als die „Britischen Bilder“ nach dem Krieg von britischen Offizieren interessiert und sogar wohlwollend begutachtet wurden.

Weber begann 1939 zunächst aus eigenem Antrieb und ohne fremden Auftrag mit den Federzeichnungen. Am 3.9.1939 trat Großbritannien in den 2.Weltkrieg ein. Im November entstanden die Blätter „Secret Service“ und „Der Börsenjobber“ (Abb. 230), ein feister Rüstungsgewinnler mit dem Bowler der Geschäftsleute und Bänker auf dem Kopf. Für die markante Physiognomie griff Weber auf die Gesichtszüge seines einstigen Mäzens Alfred Toepfer zurück. (Anm. 068)
Schon im Oktober hatte Weber Kontakt zu Johannes Harms, dem Direktor der Kieler Stadtbücherei, der in seiner Bibliothek eine kleine Ausstellung „Buch und Bild“ zeigte, zu der auch 18 Federzeichnungen Webers gehörten. (Anm. 069) Er bat Harms, ihm bei der Suche und Bestellung von Fachliteratur über England behilflich zu sein, die ihm historische und weltanschauliche Grundlagen liefern sollten. Meist waren die Bücher und Aufsätze von antibritischer Tendenz, so z.B. der Aufsatz von Chamberlain, der ausführte, daß die Politik Englands seit dem 16.Jahrhundert nichts anderes als „Kriegshandel und Piraterie“ gewesen sei, bestimmt von „Hehlern, Heuchlern, Lügnern und Falschspielern.“ (Anm. 070)
Zahlreiche Motive, die Weber zeichnete, gingen auf Kapitel des damals gerade erschienenen Buches von Reventlow (Anm. 071) zurück, das Weber ebenfalls entliehen hatte, wie etwa Gibraltar, Überfall auf Kopenhagen 1807, Burenkrieg, Irland, Indien, Seeräuberei und Sklavenhandel sowie der Opiumkrieg in China.

Am 10.11.1939 schrieb Weber an Theo Schneider: „ ... so fahre ich kommende Woche nach Berlin - hoffen wir daß man Augen im Kopf hat und die Möglichkeiten alle sieht. Das werden Motive wie noch nie - 15-20 mindestens und es muß rasch gehen ... von Berlin habe ich fast gleichzeitig von 2 Stellen, die dem Ministerium unterstehen, Briefe erhalten - die das suchen und brauchen und eben nicht haben, woran ich gerade arbeite.“ Wer die entsprechenden Leute, die Weber in Berlin zu treffen gedachte, auf die Bilder aufmerksam gemacht hatte, bleibt unbekannt. An Georg Kallmeyer schrieb Weber: „Ich muß um seine Durchsetzung genauso kämpfen wie beim Schaffen der Motive selbst. ... Ich begann aber im September und kurz darauf kamen gleich 2 Aufforderungen von amtlicher Stelle.“ (Anm. 072)

Johannes Harms blieb Webers Berater. Dieser teilte ihm regelmäßig den Fortgang der Arbeiten und seiner umfangreichen Recherchen mit. Im Dezember schrieb er ihm, er werde bald einen „guten Teil“ zeigen können und bat um eine Bildvorlage für die Bank von England, die er bislang vergeblich gesucht hatte, außerdem um Vorschläge zu den Bildunterschriften und dem Haupttitel der Folge. Man einigte sich auf „Britische Bilder“. Weber besprach auch die Bildthemen mit Harms; dieser machte sogar Vorschläge für neue Motive, denen Weber aber nur selten folgte. Ein weiterer Berater war der renommierte Leiter der Bibliothek des Instituts für Weltwirtschaft der Universität Kiel, Wilhelm Gülich.

Mitte November legte Weber die Bilder in Berlin beim Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda vor. Er schrieb am 2.12.1939 an Johannes Harms: „Die fertigen Arbeiten lagen Rippentrop [= Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop] vor - ich habe den Auftrag für ungefähr 20 Blatt in Heft - oder Buchform.“
Mehrfach fuhr Weber nach Berlin. Am 3.2.1940 berichtete er Johannes Harms: „Gestern kehrte ich nach recht ereignisreichen Tagen von Berlin heim - so etwas mitgenommen - doch sehe ich mit Vertrauen in die Zukunft - Meine Arbeit ging durch viele Hände und liegt jetzt bei Rosenberg (Anm. 073) - vielleicht muß man sich erst an den Gedanken gewöhnen - wie da auf einem Male der APW auftaucht.“
Für Weber werden dies schwere Gänge gewesen sein, wollte er doch mit seinen Bildern Deutschland und nicht der NSDAP, deren Mitglied er niemals war, dienen. Auch die staatlichen Stellen waren dem Niekisch-Vertrauten und Gestapo-Häftling gegenüber mißtrauisch. Weber schrieb am 4.3.1940 an Walther Obermiller: „ ... seit Kriegsausbruch verringert sich langsam der Druck - der noch immer auf mir armen Sünder lastete - denn wo immer - und das war schon selten genug - A. P. W. einmal auftauchte - da schlug man - natürlich immer tückisch von hinten feste zu. Demzufolge war es bisher ein unwürdiges kümmerliches Vegetieren als Leben - Sie wissen ja - die Waffe - die ich pflegte - die Art, die mir Natur war - war nicht im Kurs - ja verfolgt - heute spürt man den Mangel und mein Tischkasten öffnet sich so langsam - für den ich jahrelang arbeitete - der Staat ist so eben dabei - Bedenken fallen zu lassen (langsam) und überlegt sich - was man mit den Erzeugnissen einer solchen Kraft wohl beginnen könnte - aber das auch wieder langsam - und wenn bisher A. P. W. bei solch geringer Pflege inzwischen nicht krepiert ist - so muß doch vielleicht etwas dran sein - ich für meinen Teil war nicht faul und bislang lose Aufträge mußten mir Luft geben - das Eigentliche tun zu können. So entsteht in diesen Wochen die Reihe der britischen Bilder, ganz auf eigenem Mist gewachsen - ohne Einrede und bisher ohne Hilfe von „oben“ - doch mag sein, daß darin die nächsten Wochen eine Änderung bringen.“
Weber vertraute Theo Schneider drei Tage zuvor an: „Ich merke aber ... wie es überall und immer wieder Bedenken und Hemmungen mir gegenüber gibt - und würde ich alt wie eine Schildkröte - die Möpse werden wohl immer in ihrer Borniertheit den Mond anbellen - jedenfalls wo alles kämpft - kämpfen auch wir weiter unverdrossen.“

Ein Beispiel für das Mißtrauen, das Weber nach seiner Haftzeit entgegenschlug, ist ein Brief von Bettina Feistel-Rohmeder, der Redakteurin der Zeitschrift „Das Bild. Monatszeitschrift für das Deutsche Kunstschaffen in Vergangenheit und Gegenwart“, die am 9.12.1938 bei Hans Heeren einen Artikel über Weber anforderte und fünf Tage später in einem zweiten Brief einen handschriftlichen Zusatz beifügte: „Ein Berliner Gewährsmann Vertrauensmann verschiedener amtl. Stellen schreibt: ‘A. Paul W. gilt in den in Betracht kommenden Bezirken (vom Künstlerischen abgesehen) als eine ganz faule Pflaume, es empfiehlt sich, weite Distanz von ihm zu halten’ Kommentar überflüssig! Heil Hitler!“

Jedoch wurde bereits im Januar 1940 das Blatt „Secret Service“ in der Zeitschrift „Die Aktion“ (Anm. 074) veröffentlicht - weitere sechs Abdrucke folgten 1940 und 1941. Am 4.2.1940 erschien ein Artikel über Weber mit fünf Abbildungen der „Britischen Bilder“ in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“.

Weber fuhr nach München, da der Bruckmann-Verlag zunächst Interesse an der Herausgabe der Bildreihe gezeigt hatte, jedoch dann „allerlei Bedingungen daran knüpfte“, so daß eine Zusammenarbeit nicht zustande kam. Obwohl die Folge komplett noch nicht veröffentlicht worden war, wurden bereits einzelne Motive daraus zur Basis für Webers Erfolg. Zahlreiche Publikationen, wie z.B. im Juli 1940 in Velhagen & Klasings Monatsheften und Ausstellungen bereits fertiggestellter Motive wie im Verein Bildender Künstler am 22.6.1940, wo zehn der „Britischen Bilder“ gezeigt wurden, brachten Weber breite Anerkennung. Der Zeichner und Illustrator Gerhart Kraaz schrieb in den Erläuterungen zum Berliner Ausstellungskatalog, (Anm. 075) daß die Bilder jenseits zeitlicher Propaganda lägen und die „weit über die Zeiten hinweg reichenden, tiefmenschlichen und die Erde bewegenden Motivgruppen des menschlichen und staatlichen Handelns“ offenlegten.

Am 22.6.1940 berichtete Weber Walther Obermiller: „Die Arbeit ist noch nicht abgeschlossen (die Britischen Bilder) und ich studierte lang und gründlich weiter über diesen Stoff - so trat das Polemische - das zu stark Agressive wesentlich zurück mit einer Ablehnung des üblichen Tons und des allgemeinen Tagespolitischen - ich mühe mich stark - Blätter von Dauer und Gültigkeit zu schaffen - also eine Art Geschichte - wozu auch der Betroffene Ja sagen muß. Nahe liegt - eine Anlehnung - gar eine Konjunktur zu wittern - doch ich müßte es ja wohl am besten wissen - mein bisheriger Weg bezeugt das Gegenteil.“

Einen Artikel im „Berliner Lokal-Anzeiger“ vom 21.7.1940, der fünf Zeichnungen und drei Skizzen zu den „Britischen Bildern“ zeigte und Weber „zu den bedeutendsten Graphikern unserer Zeit“ zählte, legte Weber zwei Tage später einem Brief an Theo Schneider bei und kommentierte: „Sie werden wohl die Geschichten vom Weberschen ‘Aufstieg’ bald auswendig wissen - hier kommt wieder so ein Strohhalm - etwas grob und viel zu simpel verarbeitet in der Redaktion - aber trotzdem dazu bestimmt - daß wir uns alle an ihm emporziehen - wenigstens über Wasser halten.“ Weber spielte damit auf seine nach wie vor großen finanziellen Probleme an.

Am 12.8.1940 erhielt er im Rahmen einer Auszeichnung der besten deutschen Karikaturisten durch das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda den 2.Preis in Höhe von 1000 Reichsmark. (Anm. 076) Für den Künstler war dies eine immens große Summe. Es zeugte von erheblichem Pragmatismus der staatlichen Stellen, dem ehemals Mißliebigen diese Auszeichnung zu verleihen, die sicherlich aufgrund der ersten Veröffentlichungen der „Britischen Bilder“ erfolgte.

Weber schrieb an Alf Depser am 13.9.1940: „30 Motive sind fertig, aber 40 werden es mindestens - an die 2-300 Skizzen und Versuche liegen bei mir. Die Zeit dazu habe ich meiner Gesundheit und meinem ‘Wohlleben’ gestohlen - es war mitunter recht schwer.“

Melitta Wiedemann (Anm. 077), Hauptschriftleiterin der Zeitschrift „Die Aktion“, ermöglichte Weber durch ihre Vermittlung, die „Britischen Bilder“ im Nibelungen-Verlag Berlin zu publizieren, der sich in der Potsdamerstraße 17 befand. Der Verlag gab auch „Die Aktion“ heraus und unterstand dem Propaganda-Ministerium. Im Novemberheft 1940 wurde eine Subskriptionsanzeige abgedruckt, die das geplante Buch zu 25 Reichsmark anpries: „Es muß jedem Beschauer sofort deutlich werden, daß es sich hierbei nicht um politische Karikaturen für den Tagesbedarf handelt, sondern um Meisterstücke des Zeichenstiftes, deren künstlerische Höhe, politischer Gehalt und geistige Durchdringung des Stoffes sich zu einer ganz ungewöhnlichen Wirkung ergänzen.“ 100 Exemplare sollten als Vorzugsausgaben signiert werden und je 100 Reichsmark kosten.
Im Dezember 1940 war es endlich soweit: Der 36 x 47 cm große Band aus Büttenpapier mit 45 ganzseitigen, hervorragend reproduzierten Abbildungen in Kupfertiefdruck verließ die Druckerei. 100 Exemplare wurden von einem der besten Buchbinder, Johannes Gerbers aus Hamburg, handgebunden und jedem eine der originalen Skizzen beigefügt.

Am 5.11.1940 schrieb Weber enthusiastisch an Heinrich Bodenstein: „Ich antworte mitten aus dem Endlauf - dem Schlußakkord - meiner Britischen Bilder. Sie verlangen das letzte an Kraft - an Knochenmark - ich kann sagen - hier schwillt mir die Brust - ich gab wirklich Blut vom Herzen dazu - das werden Sie auch sehen - ich kann das nicht besser - so meine ich - daß für das meiste keine Steigerung aus meiner Hand möglich sein wird. Hier laufen schon die ersten fertigen Andrucke aus Mchn. ein. Junge Junge - das wird ne Sache! Ihnen darf ich ja die geheimste Kammer meines Herzens mal öffnen 1 Jahr arbeite ich daran.“
Am 19.11.1940 antwortete Weber Werner Kreie auf eine entsprechende Bemerkung, ob er wohl wieder „hoffähig“ geworden sei: „Wollen Sie mit Ihrem ‘in Gnaden aufgenommen’ sticheln - mein Herz ist rein - und meine Arbeit setzte sich durch - nach dem Rezept - auf Qualität - auf sie allein - abzuzielen und eine Tücke nach der anderen zog sich zurück und heute kann ich bald wohl meinen - das Rennen gewonnen zu haben ... Eines Tages kommen meine Britischen Bilder heraus und daß das etwas in seiner Art ganz Eigenes ist - dürfen Sie getrost erwarten - da geht es gewiß nicht um England - das ist zu den meist rein menschlichen Themen Anlaß - So entstanden im Laufe des Jahres über 450 Skizzen Entstehungsblätter und 45 werden nun als Britische Bilder verlegt - im Augenblick laufen sie bei F. Bruckmann mit noch einigen technischen Schwierigkeiten durch die Maschinen - Das Künstlerische verhindert - dass bei dieser Arbeit der Gedanke der Propaganda kommt - auch liegen seine Wurzeln weit vor dem Krieg - er gab gewiß Anstoß - doch - Sie werden ja sehen und gewiß gerecht werden.“

Weber scherzte im Überschwang seiner Begeisterung, er wolle ein Parade-Tischchen für das Buch entwerfen. Am 29.12.1940 schrieb er an Theo Schneider: „Wenn ich das Format betrachte - durchrieselt es mich (bitte nicht weitersagen) eine rechte Wonne - so etwas können Sie suchen - es dürfte den Prachtband auf dem Extratischchen im guten Bürgerhause verdrängen ... weil es ja schwer in jeden Schrank hinein passen wird. Ich werde also im passenden Stil ein Tischchen gleich entwerfen - was der Verlag mitliefert - Fuß in Bombenform.“

Im Februar 1941 wurden die ersten Bände ausgeliefert. Weber gelang es tatsächlich, sich mit diesem Zyklus als Künstler einen Namen zu machen. Er, dem es zeitlebens nur um seine Arbeit, um sein „Schaffen“ ging, hatte sehr unter den Verfolgungen und ständigen Geldsorgen der letzten Jahre gelitten. Für ihn ergab sich nun die Möglichkeit, wieder öffentlich als Künstler Fuß zu fassen. Die allgemeine Anerkennung schlug sich in zahlreichen Besprechungen des Buches nieder. In einem achtseitigen Artikel würdigte „Die Kunst im Deutschen Reich“ im März 1941 den Zyklus: „Wir haben heute auf dem Gebiet der politischen Karikatur in Deutschland nichts, das wir dieser scharfen, peitschenden Phantasie an die Seite stellen könnten.“ (Anm. 078) Auch andere offizielle Stellen stimmten nun Loblieder an. Johannes Harms schrieb am 9.8.1941 an Weber: „Vor mir liegt ein Brief von Dr. I. F. Gengler (Bln - Wilmersdorf ...) -jetzt ‘Zensor der politischen Zeichnung’ für die deutschen Illustrierten im Pro-Mi [Propaganda-Ministerium]. Gengler ‘kennt und schätzt’ Ihre Arbeiten sehr [und] schreibt von der Presse: ‘Es fehlt da an seinesgleichen sehr. Da kann ich als zuständiger Zensor der pol. Zeichnung ein wenig mitreden.’“

Dem Bildteil wurde im Buch ein Zitat von Lord Byron aus dem Jahr 1809 vorangestellt; den Abschluß bildete ein Gedicht von Percy B. Shelley von 1819, worin es heißt: „Staatsmänner, die nichts sehen, fühlen, taugen, / blutegelgleich ihr kraftlos Volk aussaugen, / bis blutberauscht sie sinken in den Staub ...“

Der Bildteil ist in vier Motiv-Gruppen gegliedert: Am Anfang steht die Gruppe „Sinnbilder“, zu der drei Bilder gehören, welche die Grundpfeiler der englischen Macht aufzeigen: „Der Tower“ als düsteres Symbol englischer Stärke, die sich auf Schrecken und Unterdrückung gründet, und „Die Börse“ als Sinnbild des kapitalistischen Handels stehen neben dem Blatt „Die Kathedrale“ (Abb. 231): Über den Häusern von London erhebt sich monumental die Silhouette von St.Paul’s Cathedral. Die demonstrierte Größe ist jedoch nur Fassade. Dürftig von Balken gestützt, erweist sich das Bauwerk als Kulisse aus Pappe und Brettern, die wie zufällig im Mittelteil den Union Jack - die englische Flagge - nachbilden. Raben umkreisen düster die marode Illusion. Die glänzende Fassade ist heuchlerischer Schein und soll das Massenelend verbergen.

Die zweite Gruppe „Der Weg zur Weltmacht“ zeigt Episoden aus der britischen Geschichte: Das Blatt „Sklavenhändler“ stellt einen Riesen in der Kleidung des frühen 19.Jahrhunderts dar. Er beherrscht ein Schiff, das von Menschen überquillt. Die unmenschlichen Zustände während des Transportes werden deutlich. Der Mann blickt ungerührt auf Ertrinkende. Verluste an Menschenmaterial zählen nicht gegenüber dem Gewinn. Wahrscheinlich ist die riesige Figur eine Anspielung auf die Reisen des Gulliver, jener Satire des Iren Jonathan Swift, in der auch dieser vehement Kritik am britischen Staat übte.
Das Motiv „Pax Britannica“ (Abb. 232) - der britische Friede - veranschaulicht, welche Art von Frieden hier praktiziert wurde: Über einem britischen Soldaten, der friedvoll ein Pfeifchen raucht, hängen getötete Inder. Weber bezog sich auf Massaker wie jenes von Amritsar, wo 1919 General Dyer, „um ein Exempel zu statuieren“, hunderte unbewaffnete Menschen erschießen ließ. Dieses Blatt zeigt die Meisterschaft Webers, mit dem Strich der Feder Helligkeiten und Dunkelheiten zu schaffen. Wie von grellem Blitzlicht getroffen leuchten die Körper der Gehenkten vor dem fast schwarzen Hintergrund auf, der mit großer Akribie gestrichelt ist, so daß eine homogene Fläche entsteht, die dunkel, aber dennoch strukturiert und lebendig bleibt.
Weitere Blätter aus dieser Gruppe tragen die Titel „Pioniere“, „Piraten“, „Die Beute“, „Irland“, „Gibraltar“ (Abb. 233), „Kopenhagen“, „Indien“, „Der königliche Kaufmann“, „Bilanz des Opiumkrieges“, „Burenkrieg: Um Gold und Diamanten“, „Friedliche Durchdringung Irlands“, „Araber“, „Secret Service“ und „Freiwild“.

Die dritte Gruppe „Fortschritt und Armut“ stellt in den Bildern „The white man’s burden“ („Der Gouverneur“) und „Der Rentner“ die Ausbeutung anderer Völker dar; weiterhin das Elend der Bevölkerung und die soziale Ungerechtigkeit im eigenen Lande mit „Hunger in Irland“, „Bauernaustreibung in Schottland“, „Webstuhl in Lancashire“, „Blick auf Windsor“, „Der Invalide des Weltkrieges“ (Abb. 234) und „Arbeitslos“. Das Blatt „Wales unter Tage“, das eine Frau beim mühevollen Ziehen einer Kohlenlore zeigt, bezeichnete Weber später einmal als „das eigentliche Zentrum des ganzen Zyklus“ und betonte damit den sozialen Aspekt der Reihe. „Der Plumpudding“ (Abb. 235) sollte die Ungleichheit in der Verteilung des Volkseinkommens in Großbritannien zeigen: 1929 erhielt eine Minderheit von 4 % der Bevölkerung fast ein Drittel des Gesamteinkommens. Auch bei diesem Blatt fällt die akribische Behandlung des Hintergrundes auf, der an die Hintergründe in den Aquatinta-Radierungen von Francisco Goya über die „Schrecken des Krieges“ erinnert.
Auf die englische Oberschicht zielten die Motive „Die Fuchsjagd“, „Wohltätigkeitsbasar“, „Die goldene Kutsche“ und „Westminster“ (Abb. 236). Diese Zeichnung zeigte den englischen Hochadel als Vertreter einer überlebten Monarchie. Die Würdenträger sitzen in prächtigen Roben, überreich mit Schmuck und Auszeichnungen behängt, im Chorgestühl der englischen Krönungs- und Grabeskirche Westminster Abbey. Doch die Gesichter lassen Verfall erkennen: Sind die Personen in der vorderen Reihe überaltert dargestellt, so weisen jene in den hinteren Reihen zunehmend Anzeichen der Verwesung bis hin zur Skelettierung auf. Sie singen ihren eigenen Abgesang - die Leuchter sind bereits erloschen.

Der letzte Teil der Folge „Zerfall“ zeigt die Bilder „Die leere Hülle“, „Die Lüge“, „Die Tücke“, „Tod in Flandern“, „Der Totengräber der kleinen Völker“, „Der Börsenjobber“, „Die Bank von England“, „Der Schuß nach hinten“, „Der Untergang“, „Die Flagge fällt“, „Der Chor der Geister“ und „Das Ende“ (Abb. 237). Trotz aller Gegenständlichkeit der Zeichnungen nutzte Weber auch surreale Effekte, wie die Unterschiede in der Größe einzelner Figuren, um den Inhalt zu verdeutlichen und dem Zyklus eine unheilvolle, gespenstische Atmosphäre zu verleihen.

Im Winter 1941 - während der Kinofilm „Quax - der Bruchpilot“ mit Heinz Rühmann für den Nachwuchs an Kampffliegern werben sollte - plante das Ministerium eine Volksausgabe der „Britischen Bilder“. Weber hatte hierzu Ergänzungen und Verbesserungen abzuliefern: Das Blatt „Der Schuß nach hinten“ - eine geborstene Kanone - mußte entfernt werden. Das Motiv konnte auch auf die Verluste der deutschen Armee bezogen werden. „Die Lüge“ stellte zunächst einen blinden Esel dar, der eine Zeitungsente fliegen läßt. Das Blatt mußte durch ein gleichnamiges ersetzt werden, das nun eine Kröte auf einer Ausgabe der „Times“ zeigte und damit direkt gegen England gerichtet war. Auch hier hätte die erste Fassung auf das Dritte Reich und seine Propagandamaschinerie bezogen werden können.
Vier neue Motive kamen hinzu: „Auf Kurs“, „Hohe Schule“, „Teile und herrsche!“ sowie „Die letzte Schlacht“. Hier trägt ein riesiger sowjetrussischer Soldat einen Geistlichen auf seinen Schultern, der die Massen aufwiegelt. Der totenschädelige Riese durchbricht mit Gewalt das eiserne Tor zum Buckingham Palace und führt zum Sturm auf das Königshaus. Der englische Titel des Blattes - „Onward Christian Soldiers“ - zitiert die erste Zeile aus einem Kirchenlied, das fortfährt: „Christus der königliche Herr / Führt uns gegen den Feind. / Vorwärts in die Schlacht / Seht sein Banner wehen!“ Während sich die meisten Blätter der „Britischen Bilder“ auf Ereignisse aus der britischen Geschichte beziehen, stellte Weber hier eine Zukunftsvision dar, die auf die Selbstzerstörung der britischen Staatsordnung hinausläuft.

Die Volksausgabe von 1943 - kleiner und auf schlechterem Papier gedruckt - war für 7,50 Reichsmark zu erwerben. Neben der deutschen Fassung wurden für das Ausland dreisprachige Ausgaben in deutsch - französisch - englisch und italienisch - spanisch - portugiesisch angeboten. (Anm. 079) Der Titel lautete nun: „Reichtum aus Tränen - ein Künstler entlarvt Englands Verbrechen“. Der Ton gegen den Kriegsgegner England wurde härter: Die Zitate von Lord Byron und Shelley fielen weg, der Bildteil wurde auf 11 Motive reduziert, wobei man vor allem auf jene Zeichnungen verzichtete, die sich allgemein gegen soziale Mißstände richteten und auch im Hinblick auf das Dritte Reich ihre Gültigkeit haben konnten. Jedes der verbliebenen Bilder wurde nun von einem dreisprachigen, aggressiv antibritischen Text begleitet.

Ernst Niekisch beurteilte später, aus dem Zerwürfnis mit Weber heraus, die „Britischen Bilder“ pauschal als „Propaganda gegen England“. Auch Ernst Jünger äußerte sich gegenüber dem Künstler Alfred Kubin befremdet über Webers Arbeit. (Anm. 080) Dieser erläuterte - ebenfalls in der Rückschau - in einem Brief an Gerhard Grasshoff: „ ... meine Haltung dem Nationalsozialismus gegenüber war durch meine Arbeiten eindeutig klar ... Es ist selbstverständlich, daß ich demzufolge auch nach meiner Haft mit Mißtrauen und Boykott bis zum Krieg verfolgt wurde. Während alle Künstler von den Ankäufen ihrer Werke zur Ausschmückung neuer Ämter, Kasernen, Kasinos der Wehrmacht lebten - erwarb man von meinen Bildern nicht ein einziges Stück. ... Auch die Annahme, ich hätte die Englandbilder dem Hitler zur Propaganda gearbeitet ist ein dummer Kohl - haben die Millionen Soldaten dem Adolf zuliebe geschossen - Bomben geworfen - getötet? oder taten sie es für Deutschland.“ (Anm. 081)

Webers eigentlicher Antrieb bei diesem Projekt war die Möglichkeit gewesen, sich und seine Bilder einem großen Publikum vorstellen zu können. Schon bald nach dem Krieg, am 2.2.1947, schrieb er dazu an Theo Schneider: „Daß ich meine Feder den Nazis im Reich [gemeint ist die Zeitschrift ‘Das Reich’] zur Verfügung gestellt hätte ... das ist nicht wahr - es sei denn - daß man das so ansieht - wenn man überhaupt irgendwo veröffentlicht abgedruckt wird. - Mit meiner Feder habe ich eigene Gedanken veranschaulicht um aber zur Wirkung zu kommen - habe ich immer auch für meinen Kreis auf Publizierung gesehen und gäbe es keine andere Gelegenheit mehr - ich würde es dem Teufel selbst auf den Hintern kleben - wichtig ist doch immer - daß es da ist - gegenwärtig - lebendig bleibt.“
Weber sah den Konflikt, den seine Arbeiten heraufbeschworen, stellte ihn aber hinter die künstlerischen Interessen. Dies belegt ein Brief, den er bereits kurz vor der Auslieferung der Erstausgabe, am 23.1.1941, an Walther Obermiller schrieb: „ ... ich habe sicher die enttäuscht, die meinen - mir müßte es immer als Künstler schlecht gehen - verfolgt, gehetzt und eingebuchtet werden - sie fänden es recht wenn ich im Graben krepieren würde - als männlich und tapfer - das Gegenteil ist Verrat - ist ihnen Anbiederung und mehr - ich aber finde - mir ist es recht (nicht?) leicht gemacht worden - da ist kein Blatt, was nicht echt ist - und ich zeichnete den Bösen und meinte das Böse und die Jagd nach der besten Form - nach dem rechten Licht und der rechten Dunkelheit haben mich am stärksten erregt.“

Weber sah dies alles mit den Augen des Künstlers. Seine politische Einstellung war stets patriotisch, nicht jedoch chauvinistisch. In den „Britischen Bildern“ nationalsozialistische Propaganda durch Weber gestaltet sehen zu wollen, wäre zu einschichtig. Zu weit reichten Webers Anklagen, die von vielen auch als gegen das Dritte Reich gerichtet verstanden wurden. Freunde des Künstlers, wie der frühere schleswig-holsteinische Minister Erich Arp (Anm. 082), erklärten: „Für APW und seine Freunde waren die ‘Britischen Bilder’ damals ein Spiegel, der den Deutschen vorgehalten wurde, um aufzuzeigen, wohin letztlich mit einem ‘Schuß nach hinten’ imperialistische Angriffskriege führen können.“ (Anm. 083)

Der Philosoph Gerd Wolandt meinte, das Thema der „Britischen Bilder“ sei „der Tod einer europäischen Vorherrschaft“. (Anm. 084) In der umfangreichen Folge gibt es keine direkte bildliche Anbiederung an die Nationalsozialisten, obgleich eine solche für Weber leicht darzustellen gewesen wäre - Vorbilder dazu waren in dieser Zeit allgegenwärtig. Weber wandte sich vielmehr gezielt gegen die Methoden der Machtausübung und die sozialen Mißstände des britischen Weltreiches.

Eine Zahlung von 15.000 Reichsmark des Nibelungen-Verlages setzte Weber im Juni 1943 in die Lage, das bislang zur Miete bewohnte Haus in Groß-Schretstaken für 29.000 Reichsmark zu erwerben, wobei 12.500 zusätzlich durch drei Hypotheken finanziert wurden.

Ebenfalls 1941 erschien im Nibelungen-Verlag das von Ludwig Weißauer (Anm. 085) herausgegebene Buch „Soldatengeist. Eine Deutung aus Bekenntnissen der Front“ (Anm. 086), das Textzitate verschiedener Autoren von Erich Rommel bis zu Ernst Jünger enthielt, die zur moralischen Stärkung der Wehrmacht dienen sollten. Weber schuf sieben ganzseitige, holzschnittartige Zeichnungen, die Soldatenkameradschaft und die Konfrontation der Soldaten mit dem Tod darstellten (Abb. 238). An Werner Kreie schrieb Weber am 15.2.1941 darüber: „Ich sitze schon wieder in einer anderen Arbeit drin - „Soldatengeist - eine Deutung aus Bekenntnissen der Front“ - dazu sollte APW grundsätzliche Motive beisteuern - ich merkte inzwischen sehr - wie heikel das Thema und wie es von der Kunst - ihren Jüngern verballhornt, verkitscht worden ist - daß von diesen Schatten immer etwas auf die Arbeit fällt - ich denke aber, einige Blätter werden darunter sein - die Ihnen gefallen. In der Darstellung ist das Heldische Heroische ganz gefährlich - gleich einem Mutterbild (mit ihrem Säugling) das ist auch so eine Sorte - und doch sind beides Themen - für die es unbedingt eine gute Form gibt ohne pathetisch und sentimental zu sein.“ Am 13.10.1941 fügte er hinzu: „Ich zeichnete letzthin einen Totentanz Soldat und Tod marschieren die Arme eingehenkt [!] die äußeren Arme und Fäuste über den Kopf aufeinander zu gereckt - über einem Kampfgelände - es fand keinen Anklang bei den Spießern im Pro Mi [= Propagandaministerium] - die vermutlich alle irgendwie gar keine Beziehung zum Tod haben - das wäre auch zum Lachen - „
Hier zeigte sich erneut Webers Vaterlandsliebe und die damit verbundene Kameradschaft zu den Soldaten im Felde. Gleichzeitig aber auch seine Ressentiments gegenüber staatlichen Stellen, die er schriftlich durchaus äußerte, obgleich das im nationalsozialistischen Nibelungen-Verlag erschienene Buch sogar mit einem Vorwort von Himmler und einem Zitat von Hitler selbst aufwartete. „Hier ist dem Künstler kein gebrochener Widerstand und ebensowenig Opportunismus anzulasten; er zeichnete nach seiner Überzeugung.“ (Anm. 087)

Als Kriegsmaler in der Sowjetunion

Am 20.10.1941 trat Weber eine vierwöchige Reise als Kriegszeichner in die Ukraine an. Im Auftrage des Reichsarbeitsdienstes reiste er mit zwei anderen Künstlern, einem Bühnenbildner und einem Maler, über Berlin nach Liegnitz, Berditschew, Uman, Poltawa und Kiew. Wahrscheinlich war der Auftrag durch Melitta Wiedemann, die Hauptschriftleiterin des Nibelungen-Verlages, vermittelt worden.

Weber schrieb am 26.10.1941 an Theo Schneider: „Von Regen, Dreck etc. brauche ich wohl nichts zu erzählen - aber mir macht es rechte Freude ... Ich fahre nachher wenn wir durchkommen nach Poltawa und wenn das Wetter uns günstig ist - auch noch nach der Krim.“ Und in einem Brief im November: „ ... wenn auch die Ausbeute vorerst mager ausfallen mußte - ein Drecks-Bild steht schon fertig auf der Staffelei.“ Ob während dieser Reise Ölgemälde entstanden, ist ungewiß. Höchstwahrscheinlich handelte es sich um Graphiken wie die Federzeichnung „General Schlamm wird besiegt“ (Abb. 239), die in den Besitz des Amtes für Erziehung und Ausbildung in der Dienststelle des Reichs-Arbeits-Führers in Berlin gelangte. Man veröffentlichte sie am 28.3.1943 in „Bilder der Woche“, einem von der Wehrbetreuung der Luftwaffe herausgegebenen Faltblatt. Die stilistische Nähe zu den „Britischen Bildern“ ist unverkennbar.
Zwei weitere Federzeichnungen stellten Weber malend an der Staffelei (Abb. 240) sowie eine Straßenszene in Poltawa (Abb. 241) dar. Sie wurden unter dem Titel „Östliche Visionen“ in der Zeitschrift „die neue linie“ im März 1943 veröffentlicht und erweckten mehr den Anschein künstlerischer Studien als den einer zeichnerischen Dokumentation oder gar der Verherrlichung des Kriegsgeschehens, wie es die eigentliche Aufgabe eines „Kriegsmalers“ gewesen wäre. Das fiel wohl auch den zuständigen Redakteuren auf, denn in der Zeitschrift hieß es: „Die außerordentlichen Blätter, die A. Paul Weber von seiner Begegnung mit Sowjet-Rußland geschaffen hat, haben zum Teil nur mittelbar mit den gewaltigen Leistungen des RAD zu tun, sprechen aber als visionäre Gegenstücke zu des Künstlers ‘Britischen Bildern’ ohne Worte auf das Eindringlichste vom Wesen und den Aufgaben unseres Kampfes.“

Von den wenigen erhaltenen Bildern zeigen drei die Stadt Poltawa. Womöglich war dies kein Zufall. Hier erlitt Karl XII. von Schweden im Nordischen Krieg seine entscheidende Niederlage gegen den russischen Winter.

In diesem Jahr bemühte sich Weber auch um die Veröffentlichung seiner hauptsächlich während seiner Haftzeit 1937 entstandenen Schachspieler-Motive. Mit dem Goverts-Verlag in Hamburg wurde am 14.3.1941 ein Vertrag geschlossen, ein Buch mit diesen Bildern herauszubringen. Die Pläne zerschlugen sich zwar wieder, jedoch ist der Kontakt Webers zu Goverts gerade zu diesem Zeitpunkt interessant. Carl Zuckmayer schrieb 1943 über Goverts, mit dem er seit 1919 eng befreundet war: „Jeder leiseste Kompromiss mit nationalsozialistischen Ideen bei ihm ist völlig ausgeschlossen ... Dem Verfasser ist bekannt, dass er verschiedenen aus den Konzentrationslagern entlassenen Freunden ohne jeden Vorbehalt tätige Hilfe erwiesen hat und auch mit ‘Verdächtigen’ und Missliebigen die Verbindung aufrecht hielt.“ (Anm. 088) Zuckmayer dachte dabei u.a. an Carlo Mierendorff (Anm. 089) und Theodor Haubach (Anm. 090), die seit 1939 dem „Kreisauer Kreis“ angehörten und auch zu diesem Zeitpunkt noch Unterstützung durch Henry Goverts (Anm. 091) erfuhren.

„Leviathan“

Den ein gutes Dutzend Motive umfassenden Zyklus der „russischen Bilder“ (Anm. 092) erwähnte Weber erstmals am 15. 2.1942 in einem Brief an Alf Depser: „Ich sitze im Augenblick an Zersetzungspropaganda gegen unsere lieben Sowjets! - eine schwere Arbeit -“ und schrieb an Walther Obermiller am selben Tag: „ ... Ich hatte Lust - zersetzende Propaganda für die Russen zu verbrechen, ...“ Der in beiden Briefen angeschlagene Ton zeigte Webers Verhältnis zu dieser Thematik: Während er sich Anfang der 30er Jahre unter dem Einfluß des Nationalbolschewismus, wie ihn Ernst Niekisch in seinem „Widerstandskreis“ vertrat, dem russischen Volk verbunden fühlte, wandelte sich seine Einstellung dem Sowjet-Regime gegenüber angesichts der stalinistischen Greueltaten nach 1936. Dem konnte Weber nun, nach dem deutschen Einmarsch in die Sowjetunion am 22.6.1941, öffentlich Ausdruck geben. Obgleich ein direkter Auftrag nicht nachweisbar ist, war das Interesse des Propagandaministeriums an derartigen Bildern begreiflicherweise groß. Wohl seit dem deutschen Einmarsch bemühte man sich, Weber für Graphiken über den Kriegsgegner zu gewinnen. „Wenn hierfür ... ein Auftrag ... gestellt wurde, bedeutete es für Weber selbst keinen Opportunismus, ihn anzunehmen. Dem deutschen Soldaten entsprechend, bekämpfte er mit seinen Mitteln den Feind so gut - und das heißt künstlerisch gelungen - wie möglich.“ (Anm. 093)

Weber litt unter der Papierknappheit, und auch seine neuen Kontakte konnten nicht helfen. „Ich habe ... die Erfahrung gemacht, daß es von Tag zu Tag schwieriger wird. Denke ich nur an die Papierbewilligung für meine Schachspieler! Da tobt das Hin und Her bald 2 Jahre. Und einflußreiche Leute gibt es da kaum aufzustöbern. Ich glaubte selbst, daß das Propag[anda]-Ministerium Einfluß haben könnte - aber weit gefehlt. ... Ich kämpfe seit 4 Wochen um Farbbewilligung - das ist schon allerhand was man da sich mühen muß - es ist nur gut, daß ich mit Feder und Tusche zu guter Letzt auskommen kann, sonst wäre es eine trübe Aussicht.“ (Anm. 094)

Am 22. 3. 1942 erschienen erstmals vier Abbildungen der Folge in der Zeitschrift „Das Reich“ zu einem Artikel von Carl Weiss „Leviathan. Begegnung mit dem Sowjetdasein“. Die Verknüpfung des Begriffs „Leviathan“ mit den von Weber geschaffenen und bisher „russische Bilder“ genannten Arbeiten, erfolgte hier zum ersten Mal.

Im Alten Testament wurde der Chaosdrache, das Sinnbild widergöttlicher Macht, als „Leviathan“ bezeichnet. Dies inspirierte den englischen Philosophen Thomas Hobbes, sein 1651 erschienenes staatstheoretisches Werk mit der Überschrift „Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines bürgerlichen und kirchlichen Staates“ zu versehen. Hobbes übertrug den Begriff „Leviathan“ auf einen aus unzähligen Individuen geformten künstlichen Menschen, einen politischen Automaten, der sich über das Volk erheben und seine Untertanen sicher in die Zukunft lenken solle. Diese Theorie wurde später zum Teil mißinterpretiert und der „Leviathan“ als Synonym für ein totalitäres, unmenschliches Staatssystem verstanden.

Weiss schrieb über die Sowjetunion: „Sind wir in diesem Lande ohne Maß und Ende nicht auf Schritt und Tritt dem fleischgewordenen Leviathan begegnet? Dunkel erinnern wir uns der bitteren und zynischen Theorie eines Hobbes. Lobte er nicht die Kunstfertigkeit des Menschen, dem es gelingt, künstliche Tiere herzustellen: Automaten, die gehen, sich hinsetzen, den Kopf wenden, das Maul öffnen, mit den Augen zwinkern? Fordert er nicht, daß die natürliche Gesellschaft durch eine künstliche ersetzt werde, durch eine ungeheure soziale Maschine, durch einen politischen Automaten, den er Leviathan taufte. In den Kolchosen, in den Fabriken, in den Wohnstuben, auf den Schlachtfeldern, überall sind wir diesem Ungeheuer begegnet. War es nicht der Leviathan, der den Bauern Acker und Wiesen entriß, mit vielscherigen Motorpflügen die Raine überfuhr und die schwarze Erde, soweit der Blick nur schweifen konnte, in einen einzigen Staatsacker verwandelte, war er es nicht, der die Giganten und Kombinate der Industrie wie zyklopische Klötze auftürmte? War er es nicht, der in allen Stuben, auf allen Gassen aus millionenfachem Lautsprechermaul seinen Phrasenschwall ergoß? Und war es nicht Leviathan, der die ungeheuerste Kriegsmaschine in Bewegung setzte und durch seine Kommissare in Bewegung erhielt? ... Gegen Leviathan zogen wir ins Feld, und erst seit wir dem Ungeheuer Aug in Aug gegenüberstehen, wissen wir im tiefsten Grunde, wofür wir kämpfen.“ (Anm. 095)

Die etwa gleichformatigen Federzeichnungen Webers sind - im Unterschied zu den „Britischen Bildern“ - mit einer äußerst subtilen Kolorierung in einer von ihm selbst entwickelten Technik versehen: jedem Blatt ist ein transparenter, farbig changierender Fond aus dünn aufgewalzter Ölfarbe unterlegt.

„Es ist ganz eigen - ich bin sicher - daß diese Arbeit mir mit viel mehr Genuß und Gewißheit von der Hand gehen wird - zum Teil ist es ein ruhiges Zuwarten und die Formulierungen sind einfach da. Ich lese dazu recht viel und bin immer in Gedanken dabei. Zum Vergleich bei den Britischen Bildern vermag ich hier stärkere Mittel einzusetzen ... rein graphisch kommt das Mittel der Farbigkeit hinzu - rein stimmungsmäßig eine ganz außerordentliche Steigerung.“ (Anm. 096)

Zwei der Zeichnungen stellte er im Frühjahr 1942 bei der Akademie der Künste in Berlin aus, an deren Ausstellungen er seit 1940 regelmäßig teilnahm.

Auch wurden Blätter aus dem Leviathan-Zyklus in verschiedenen Kombinationen publiziert. „Das Propaganda Ministerium wünscht - daß die russ. Reihe für den Farbdruck sofort in Angriff genommen wird.“ (Anm. 097) Die umfangreichste Veröffentlichung erfolgte im „Illustrierten Beobachter“ (Anm. 098). Im Herbst 1943 wurden insgesamt neun Zeichnungen abgedruckt. Die letzte große Publikation gab es schließlich im Februar 1944 in „Die Aktion. Kampfblatt für das neue Europa“ zu einem Text von Melitta Wiedemann „Die Sünde wider das Leben. Die Kunst entlarvt den Bolschewismus“.
Diesen Veröffentlichungen war gemeinsam, daß die Bilder eine künstlerische Beigabe für die Propagandapolemik darstellten, sich jedoch nicht auf deren Inhalt bezogen. Sie wurden den Texten - oft als ganzseitige Tafeln - voran- oder nachgestellt, ohne diese direkt zu illustrieren.

Es mag erstaunen, daß das nationalsozialistische Regime diese Bilder benutzte, obgleich sie auch als eine Anklage gegen die im eigenen Land herrschenden Zustände verstanden werden konnten. Einige Motive bezogen sich ganz offensichtlich auf Mißstände in der Sowjetunion: „Der Traktor“ (Abb. 242), „Der Funktionär“, „Die Fassade“, „Der Hunger“ oder „Die Kolchose“. Das Blatt „Der Kanal“ (Abb. 243) zeigt eine bis an den Horizont reichende Masse von Skeletten, die das Ufer eines Kanals bilden. Das Motiv bezog sich auf Einsatz und Tod hunderttausender Zwangsarbeiter (zumeist politisch Verfolgte) beim Bau des militärisch wichtigen Weißmeerkanals.
Unterdrückung prangerte auch das Motiv „Die Expropriation der Expropriateure“ an: In einem sargähnlich wirkenden Eisenbahnwaggon hat man Menschen zusammengepfercht. Ihre Köpfe sind gegen die Kälte mit Tüchern umwickelt. Ein bewaffneter sowjetischer Soldat ragt aus der Masse leerer, apathischer Gesichter heraus. Das Bild bezog sich auf stalinistische Säuberungsaktionen, etwa die Verfolgung der Kulaken und die Verschleppung von Regimegegnern. Es wurde - zusammen mit dem „Tank“ - auf der Ausstellung „Deutsche Zeichenkunst der Gegenwart“ in der Kunsthalle Mannheim im Herbst 1942 gezeigt. Dort fielen sie einem Amtsrat des Reichsministeriums für Volkspropaganda auf, der sie für eine vom „Kunst-Dienst“ Berlin arrangierte Wanderausstellung „Deutsche Graphik“ auswählte, die 1943 in Finnland, Norwegen und Italien gezeigt werden sollte. (Anm. 099)

Trotz der inhaltlich klaren Zusammenhänge gingen Webers Aussagen über eine vordergründige Anklage des Sowjetregimes hinaus: Die Deportierten stehen stellvertretend für alle versklavten Menschen. Dies gilt auch für andere Motive: „Das Ende“ zeigt ein abgemagertes Pferd, das im Schnee krepiert. In „Die Prozession“ (Abb. 244) wird eine riesige Maschine - Symbol pseudoreligiös verehrter, übermächtiger Technik - durch die Straßen gezogen. Pöbel zerstört in „Aphrodite“ eine antike Statue aus Wut über das unverstandene Schöne. „Der Tank“ zeigt einen verrottenden Panzer auf einem Denkmalsockel. Vor allem aber „Die Grube“ (Abb. 245) darf als universelle Anklage gegen Verletzung und Mißachtung der Menschlichkeit gelten: Am Rande einer schier bodenlosen Grube steht ein Pferdekarren voller Leichen. Ein Soldat schaufelt die Gebeine vom Karren. Sein Kopf wird vom oberen Bildrand abgeschnitten - er wird somit zur anonymen Person. Dieses Bild zeigt die Fähigkeit Webers, in seinen Werken durch Anonymisierung eine Aussage zu erzielen, die weit über das Thema hinausgeht. Ob es sich hier bei den Toten um die politischen Gegner Stalins handelt oder nicht, wird nebensächlich.
Auch „Das Leichentuch“ (Abb. 246) griff mit seiner allgemein gehaltenen Aussage jedes menschenverachtende, totalitäre Regime an und konnte auch als Kritik am Nationalsozialismus und am Krieg schlechthin verstanden werden: Eine Frau zieht ein endlos wirkendes Leichentuch über eine unüberschaubare Menge von toten Körpern. Der „Illustrierte Beobachter“ interpretierte jedoch das Bild folgendermaßen: „Wie das alttestamentliche Ungeheuer Leviathan sucht der jüdische Bolschewismus alle Welt zu verschlingen. Der Meister des Zeichenstiftes A. Paul Weber entrollt in grandioser Vision Bilder dieses Chaos, das nur durch die geballte Kraft Europas abgewandt werden kann.“ (Anm. 100)

Eine vollständige, gemeinsame Veröffentlichung aller Motive hat es nicht gegeben. (Anm. 101) Einige weitere Blätter wie „Die Ratte“, die über die Zinnen der Kreml-Mauer späht, gehören ins enge Umfeld dieser Reihe. Weber verweigerte die dringend angemahnte Vollendung aus künstlerischen Gründen. Am 7.3.1943 schrieb er an Theo Schneider, man mahne „dauernd - die russ. Reihe in Berlin oben doch vorzuzeigen - doch jetzt spreche ich nicht mehr und mache sie erst schön in Ruhe fertig - so wie mich das ganze Problem zu innerst beschäftigt - also es ist beileibe keine Propaganda.“

Den „Britischen“ und „Russischen“ Bildern sollte nach dem Willen des Propagandaministeriums auch eine Reihe über den Kriegsgegner USA folgen - es blieb jedoch bei der Planung. (Anm. 102) Johannes Harms schrieb am 20.4.1941 an Weber: „Die Amerika-Reihe ist ein guter Gedanke - und auch die Formulierung ‘Kapital und Arbeit’ o.ä. - Wir sprachen ja schon mal davon, daß der Titel ‘Britische Bilder’ eigentlich zu eng wäre und fast ‘Das Buch des Kapitalismus’ heißen müßte. ... Vielleicht sollten Sie nach den ‘Britischen Bildern’ eine (anscheinend) unpolitische Arbeit nicht liegen lassen - oder vielleicht einen Plan ‘Kapital und Arbeit’ nicht an Amerika binden, sondern allgemein als Totentanz betrachten ?“
Neben der Zeichnung „Das Gerücht“ (Anm. 103) gab es nur noch einige künstlerisch geringwertige Karikaturen Webers zu einem Artikel „Politisierende Mode in den USA“ (Anm. 104) von Ernst Herbert Lehmann in der Zeitschrift „Die Mode“ vom November 1941. Sie zeigten jeweils Frauenfiguren in satirisch übertriebenen Kostümen. Lehmann beschrieb in dem Artikel, daß die Plutokratie, vereint mit dem finanziell herrschenden Judentum, mittels der Frauenmode in den USA die Kriegshetze zu fördern versuche. Weber verwendete Vorlagen aus der „VOGUE“ und setzte sie satirisch um. Dazu Lehmann: „ ... Er hat mit scharfem Blick den Unfug der politisierenden Mode erfaßt; es ist ihm auch gelungen, dabei das amerikanische Mode-Ideal Hollywooder-Prägung mit klaren Strichen zu charakterisieren.“ Eine Karikatur zeigte die Präsidentengattin Eleanor Roosevelt mit einem Ölkanister und einem Blasebalg, auf dem ein Davidstern zu sehen ist. Eine Variante dieses Motivs verwendete der Nibelungen-Verlag wenig später, 1942, für die Titelseite der Hetzschrift „Das ist Amerika“. Weber hatte zu diesem Zeitpunkt sicherlich keinen Einfluß darauf, wann, wo und in welchem Zusammenhang der Nibelungen-Verlag seine Entwürfe abdruckte.

Die Anfänge beim „Simplicissimus“

In den Jahren 1942 und 1943 wurden von Weber 17 Zeichnungen in der berühmten satirischen Zeitschrift „Simplicissimus“ veröffentlicht. (Anm. 105) Auch wenn der „Simpl“ seine glanzvollste Zeit längst hinter sich hatte, war es für den Künstler zweifellos eine wichtige Anerkennung seiner satirischen Arbeiten, nun unter der verbliebenen Elite des Genres neben Thöny, Schilling oder Gulbransson - nicht zu vergessen die gewagten Pin-ups von Heiligenstaedt - vertreten zu sein. Allerdings schrieb er selbstkritisch an Alf Depser: „Im Simpl war schon öfters was drinnen - doch rechne ich mich zur 2. Garnitur.“ (Anm. 106)

Unter den abgedruckten Arbeiten waren drei der „Britischen Bilder“ und das Waldbild „Im stillen Winkel“ aus älterer Produktion, ansonsten aber neue humorige oder gesellschaftskritische Motive wie „Die beleidigte Leberwurst“ oder besinnliche wie „Der Angler“. Die Federzeichnung „Die Nachtwache“ (Abb. 247), wurde sogar ganzseitig in der großformatigen Zeitschrift (27 x 38 cm) abgedruckt, was ihrer Originalgröße entsprochen haben dürfte. Bemerkenswert ist hier Webers Auffassung des wachsamen Narren: Er verleiht ihm etwas Listiges, ja Verschlagenes, durch das Licht der Laterne kommt etwas Unheimliches, fast Gefährliches hinzu, das den Narren zu einer kraftvollen Figur werden läßt, die nichts mit den lustig-belanglosen Kasper-Figuren des Spätwerkes gemeinsam hat. Weber spiegelte damit die Fähigkeit des Narren - und damit auch seine eigene - in schwierigsten Zeiten bis an die Grenzen der möglichen Kritik zu gehen und zu überleben.
Das Blatt „Der Hofnarr“ (Abb. 248) zeichnete Weber fast skizzenhaft mit lockerem Strich, was für seine hier veröffentlichten Bilder unüblich war. Nach dem Krieg hat er es viel dichter lithographiert und „Wie sagen wir’s dem Volke?“ genannt. 1942 trug es noch den ursprünglichen Titel mit der Ergänzung: „‘Sage mir, Narr, kannst du nur unanständige Witze machen?’ - ‘Nein, Majestät; aber sie sind die ungefährlichsten!’“ Solche witzartigen Untertitel waren zu den Bildern im „Simplicissimus“ durchaus üblich. Darüber hinaus gab es noch eine italienische Übersetzung, da der „Simplicissimus“ zu dieser Zeit auch in Italien vertrieben wurde.

Auch das Motiv „Die lustige Fuhre“ (Abb. 249) besaß einen solchen Untertitel: „Wir sind überm Berg!“ (Anm. 107) Ein Karren rollt auf einen dunklen Abgrund zu. Die fünf Insassen zeigen unterschiedliche Reaktionen: Der Lenker ist zuversichtlich, der Mann hinter ihm hält sich jedoch ängstlich fest; ein anderer feixt triumphierend, ein weiterer versteckt sich verzweifelt. Der letzte kniet hinten, bereit, jederzeit abzuspringen. Der zweideutige, hurrapatriotische Untertitel sprach der Bildsituation Hohn. Der Karren rollt unaufhaltsam ins Verderben. Es bleibt erstaunlich, daß dieses Bild 1943 nach der Vernichtung der 6.Armee bei Stalingrad veröffentlicht werden konnte und nicht der Vorwurf der Wehrkraftzersetzung erhoben wurde. Auch hier zeigt sich, daß viele Bildaussagen Webers oft aus verschiedenen Blickwinkeln interpretierbar blieben.

Ein besonders augenfälliges Beispiel hierfür ist „Das Gerücht“, dessen erste Fassung 1943 im „Simplicisimus“ veröffentlicht wurde (Abb. 250). Ein echsenhaftes Wesen schleicht über die Dächer. Aus den Dachfenstern der Häuser beugen sich Menschen, die einander zuflüstern. Ein Gerücht geht um. Die formale Anregung dazu hatte Weber wohl aus dem Geister- und Gespensterbuch (Anm. 108) von Robert Budzinski, für das er selbst 1919 den Umschlag entworfen hatte. Das Bild Budzinskis zeigte unter dem Titel „Philisterium - ein Gewürm“ eine Schlange, die sich über die Hausdächer windet. Bereits 1943 entstand eine zweite, monumentalere Fassung (Anm. 109) des Motivs (Abb. 251): Eine riesige Schlange, Symbol der Falschheit, deren Leib mit Augen und Zungen besetzt ist, schwebt an einer schier endlosen Häuserwand entlang. Aus den zahllosen Fensteröffnungen lugen neugierig kleine Gestalten, die sich dem Gerücht anschließen und es vermehren. „Die Masse ist eine Figur, die Weber wie kein zweiter ins Bild setzt. In ihrer Übermacht ist sie stets böse, sie bedroht die Selbstbestimmung, die Würde und das Gewissen des Einzelnen. Sie ... sucht ihn in jenen Schmutz herunterzuziehen, der ein Merkmal der Masse ist.“ (Anm. 110) Der Kopf der Schlange zeichnet sich durch spezifische Merkmale aus: spitze Ohren (man kriegt etwas „spitz“), ein großes Maul, eine scharfe Zunge, eine lange Nase, die man in alles hineinstecken kann, sowie dicke Brillengläser, um alles ganz genau sehen zu können. (Anm. 111) Weber hatte vermutlich die Gerüchte von den sich häufenden militärischen Niederlagen und Zweifeln am „Endsieg“ im Sinn, deren Verbreitung lebensgefährlich war. Doch auch die Nationalsozialisten nutzten die Bildaussage: Am 3.8.1943 publizierte der „NS-Kurier“ (Anm. 112) das Bild mit einer unmißverständlichen Drohung im Untertitel: „Wissen Sie schon das Neueste? Nur Dummköpfe und Verräter stellen die Gefolgschaft des Gerüchts“.
Erne Maier, ein Freund Webers, erinnerte sich: „Das Gerücht selbst ist ein widerliches Unwesen mit Telleraugen, großen, gespitzten Ohren, Schnüffelnase und Augen wie Saugnäpfen am ganzen Körper. Alle fliegen ihm zu. Aber niemand weiß, um welches Gerücht es sich handelt. Viele hörten, obwohl die Todesstrafe darauf stand, ausländische Sender. Was sie hörten, stand in krassem Widerspruch zu den deutschen Nachrichten. Was war wahr und was war gelogen? War das erhoffte Kriegsende nahe? Der Krieg war verloren, aber viele wollten das nicht hinnehmen. Sie glaubten an den Führer und der Führer besaß noch eine Wunderwaffe - eine kriegsentscheidende Wunderwaffe - und diese, so habe man gehört, stände kurz vor dem Einsatz. Das durfte kein Gerücht sein. Zur Erinnerung: 1943 begann mit dem endgültigen Verlust der 6.Armee im Kessel von Stalingrad. Rund 150.000 deutsche Soldaten waren gefallen, rund 100. 000 gerieten in Gefangenschaft. Immer mehr Deutsche sahen in Hitler einen Verbrecher. Aber auch der Terror im Land nahm zu. Im Februar [1944] riefen die Studenten Sophie und Hans Scholl in der Münchner Universität zum Widerstand auf; sie wurden im selben Monat mit ihren Freunden hingerichtet. Wer nachzudenken vermochte, sah den Krieg als verloren an.“ (Anm. 113)

Während Hans Albers in dem Ufa-Jubiläumsfilm „Münchhausen“ - das Drehbuch stammte übrigens unter Pseudonym aus der Feder des von den Nationalsozialisten verfemten Erich Kästner - auf seiner Kanonenkugel durch die Luft flog, um dem deutschen Volk unverfängliches Amusement zu bieten, erging an Weber eine ungewöhnliche Einladung: Zusammen mit anderen Zeichnern der politisch-satirischen Zeitschriften „Kladderadatsch“ und „Simplicissimus“, nämlich Olaf Gulbransson, Eduard Thöny, Karl Arnold, Erich Schilling, Wilhelm Schulz und Erich Ohser wurde er zu einem Mittagessen mit Joseph Goebbels in dessen Berliner Haus „gebeten“. (Anm. 114) Die Zeichner sollten zu nationalsozialistischer Propaganda animiert werden. Wie gefährlich die Situation zu dieser Zeit bereits war, zeigt das Schicksal Ohsers: Obgleich er durch seine heiteren Cartoons „Vater und Sohn“ in breiten Bevölkerungsschichten bekannt und beliebt war, schützte ihn dies nicht vor den Nachstellungen des Regimes. 1933 lehnten Redaktionen ihn als Mitarbeiter ab, es begannen Verhandlungen gegen ihn wegen kritischer Hitler-Zeichnungen im „Vorwärts“. Ein Jahr später erhielt er faktisch Berufsverbot und wählte darum „e.o.plauen“ als Pseudonym für seine Arbeiten, das er nach 1940 auch bei der nationalsozialistischen Wochenzeitung „Das Reich“ beibehielt. Trotzdem wurde er wegen „staatsfeindlicher Äußerungen“ denunziert und verhaftet. Im April 1944 beging er am Vorabend seines Verhandlungstermins im Untersuchungsgefängnis Moabit Selbstmord, um dem Todesurteil des Volksgerichtshofes zu entgehen.
Noch 1933 hatten die Nationalsozialisten selbst einen Band mit harmlosen Karikaturen gegen Hitler herausgebracht, der unter dem Titel „Tat gegen Tinte“ Hitlers Erfolgstaten den „Behauptungen“ der Zeichner gegenüberstellte. Nun aber waren politischer Witz oder satirische Anzüglichkeiten über die Größen des Nazi-Regimes zu gefährlichen Herausforderungen geworden.

Vielleicht sah Weber nach der Begegnung mit dem Präsidenten der Reichskulturkammer Joseph Goebbels die Situation von Humor und Satire noch pessimistischer als bisher: Die Federzeichnung „Das Begräbnis“ (auch: „Der Humor wird zu Grabe getragen“) zeigte den Narren tot im Sarg liegend (Abb. 252).

1940-42 hatte der Künstler an den zweimal jährlich stattfindenden Ausstellungen der Preußischen Akademie der Künste in Berlin teilgenommen. 1942 war er an Ausstellungen in Mannheim und Posen beteiligt, sowie an einer Wanderausstellung des Hamburger Kunstvereins. Seine Schachspieler-Bilder wurden in Wien gezeigt und 1943 stellte er in der Akademie für deutsche Jugendführung in Braunschweig aus.

Hinzu kam ein für Weber besonders heikler Auftrag: Neben vielen anderen Künstlern wurde er aufgefordert, eine „Standard-Briefmarke“, wohl mit dem Kopf Hitlers, zu entwerfen. Wenig später kam auch noch die Aufforderung für eine Jubiläumsmarke (Anm. 115) zum 10. Jahrestag der Machtergreifung hinzu. Weber konnte die Beteiligung an solchen Ausschreibungen kaum ablehnen. Seine Holzschnitt-Entwürfe (ein Adler, der einen Drachen schlägt) wurden nicht angenommen. Die Vermutung, er hätte einen solchen Auftrag absichtlich schlecht erledigt, ist jedoch falsch, da dies Webers Prinzipien von seiner Arbeit widersprochen hätte. Er sah in einem solchen Auftrag kein Bekenntnis zum Nationalsozialismus. Weber schrieb im Spätsommer 1942 an Heinrich Bodenstein: „Jetzt habe ich zur Führermarke auch noch eine Jubiläumsmarke zur Machtübernahme 33-43 in Auftrag bekommen und wenn auch nichts daraus werden sollte - möglich ist alles - so beschäftigt mich dieses Gebiet ganz außerordentlich ... es steckt in einem solchen kleinen Kunstwerk mehr Stil - mehr Kultur als auf mancher Riesenwand der Ausstellungen - in den gigantischen Schinken der Konjunkturritter.“ Am 20.10.1942 schrieb er an Werner Kreie: „Die Briefmarke (es wird - Sie wissen ja - erst mal die zur Machtübernahme) soll bald gestochen werden - und ich mußte nach Wien fahren - weil die Staatsdruckerei den Druck herstellt - Sie bekommen eine kl. Aufnahme der ersten Form - Der Minister bemängelte erst den Drachen unter dem Adler - daß er noch zu dünn sei - zu unscheinbar und trotzdem er ja den bisherigen Mist mit zu verantworten hat - ich bin ihm dafür dankbar - denn der 2. Entwurf wurde besser. Er ist nun von Bln [= Berlin] aus dauernd abwesend - daher wird sie ihm fertig gestochen vorgelegt. Aber: ich vergesse nicht - bis sie nicht auf Briefen klebt - kann alles noch vergeblich sein - !“ Weber sollte Recht behalten. Nach Weihnachten 1942 schrieb er erneut: „Der Minister schweigt noch immer - ich habe kaum Hoffnung mehr - aber ohne Klage und Zorn - eine Stelle - die dieses edle Gebiet so mißbrauchte - schändete - kann nun auf einmal keinen Geschmack entwickeln und sicherlich hat man entdeckt - was das da für ein Weber ist -“

Seine grundsätzliche Einstellung zur künstlerischen Arbeit in jener Zeit vertraute Weber am 22.11.1943 seiner Mutter auf deren Glückwünsche zu seinem 50. Geburtstag hin an: „Du weißt - ich habe über diese Anlässe und Gelegenheiten meine besonderen Meinungen - Meine Feiern fallen - wenn mir ein guter Wurf gelang! Dabei ist wiederum zu bedenken - daß einem schöpferischen Menschen das Dasein erst wert macht - wenn Bleibendes ihm gelingt - und das kannst Du Dir wohl vorstellen - daß ich nicht nur an dem Tage als ich nun mal grade 50 Jahr alt wurde - zurückschaute und die Leistung überholte - das passiert täglich - eigentlich immer mit der gleichen Bereitschaft und ohne Nachsicht - Es ist gewiß nicht immer „erquickend“ - was zum Zeitgeschehen zu sagen ist - das ist auch nicht meine Schuld - aber wie es gesagt - formuliert ist - die Form der Gestaltung das rein Künstlerische -- da dürfte man schon auf seine Kosten kommen. Denn zu guter Letzt ist es nicht das „Sujet“ woran die meisten kleben bleiben - worauf es ankommt und was zu werten ist: trotz aller mich umgebenden Not bin ich wirklich tief glücklich - Schaffen zu können!“

1943 entstand jedoch ein Blatt, das Auskunft darüber gibt, wie Weber sich trotz aller Anerkennung, die ihm die „Britischen Bilder“ gebracht hatten, gefühlt haben mag: „Mit den Wölfen mußt Du heulen“ nannte er eine Zeichnung, auf der ein Mann von einem Wolfsrudel bedroht und sein konformes Verhalten erzwungen wird. Weber hatte das Motiv erstmals auf der Rückseite eines der „Britischen Bilder“ (Anm. 116) skizziert (Abb. 253). Das Thema beschäftigte ihn vor allem nach dem Krieg so sehr, daß er es etliche Male zeichnete und lithographierte (Anm. 117) und zwei der Lithographien kolorierte. Bei diesen Nachkriegs-Fassungen wird der Gesichtsausdruck des Mannes immmer stärker von Angst geprägt. Totenschädel auf dem Boden zeugen vom Schicksal derer, die sich widersetzten. Die intensive Beschäftigung mit dem Motiv mag auch eine psychologische Aufarbeitung seiner Erlebnisse gewesen sein.

„Deutscher Volkskalender Nordschleswig“

In den Jahren 1943 bis 1945 war Weber verstärkt für den „Deutschen Volkskalender Nordschleswig“ (Anm. 118) tätig. Der stets etwa 120 Seiten umfassende Jahreskalender war für die Deutschen in Nordschleswig bestimmt, die seit 1920 durch einen Volksentscheid vom Deutschen Reich abgetrennt worden waren und nun zum Königreich Dänemark gehörten. Der ländlich orientierte Kalender sollte ihnen helfen, die gewachsene deutsche Kultur zu bewahren. Er enthielt lokale Berichte, ausführliche Nachrufe, Markttermine, einen Jagd- und Trächtigkeits-Kalender, aber auch kulturelle, historische und politische Beiträge sowie Gedichte und Erzählungen, u.a. von Hans Schmidt-Gorsblock. Auch wenn seitens der Autoren keine Grenzrevision propagiert wurde, so gab man sich doch betont deutsch-national und sah auch den Einmarsch deutscher Truppen in Dänemark am 9.4.1940 sicherlich nicht ohne Sympathie. (Anm. 119)

Der Lehrer und Schriftsteller Hans Schmidt, der sich nach seinem Wohnort Schmidt-Gorsblock nannte, setzte sich durch die Mitarbeit in der deutschen Volksgruppe sehr für das Deutschtum ein. Weber lernte ihn kennen, als dieser 1931 von Toepfer mit der Broschüre über die Jugendherberge Knivsberg beauftragt wurde (Abb. 254). Da Schmidt-Gorsblock im gleichen Jahr zum Herausgeber des „Deutschen Volkskalenders Nordschleswig“ avancierte, bat er Weber, den bislang optisch provinziellen Kalender durch eine künstlerische Ausgestaltung zu verschönern.

Weber entwarf ein neues Umschlagbild, das bis zum heutigen Tag beibehalten wurde: ein Holzschnitt der gotischen Kirche von Lügumkloster bei Gorsblock, die in Ernst, Würde und Schlichtheit die Eigenschaften des nordschleswigschen Wesens verkörpern sollte. 1936 gestaltete er nach mehreren Verzögerungen das bereits für 1934 geplante neue Monats-Kalendarium mit Schmuckleisten und Zier-Holzschnitten. Es enthielt neben den geläufigen, aus der römischen Antike abgeleiteten Monatsnamen jeweils auch germanisierende, wie z.B. Hartung für den Januar (Abb. 255), Lenzing für den März oder Jul für den Dezember. „Ich wollte ja schon in diesem Sommer eine besondere Arbeit für den Kalender anfertigen und mit den Leisten zu den einzelnen Monaten überkommen. Aber so ist es immer wieder - ich habe noch nicht gelernt, mich in meinen Kräften zu bescheiden - und nur oder kaum die Hälfte von dem - was ich mir vornehme - nimmt Gestalt an und wird gut fertig.“ (Anm. 120)

Von 1936 bis 1945 war Weber regelmäßig mit ganzseitigen Bildbeiträgen vertreten. Nachdem in den gesamten 30er Jahren nur 15 Arbeiten veröffentlicht worden waren, lieferte er zwischen 1940 und 1942 - die Kalenderredaktion war auf Peter Callesen übergegangen - schon 13 und 1943-1945 sogar 76 Bilder. Sein Engagement ging soweit, daß er auch anbot, sich um die Verbesserung der oft mangelhaften Druckqualität zu kümmern. (Anm. 121) Er schrieb am 2.9.1943 an Heinrich Bodenstein: „ ... diese kleine aber liebe Nebenarbeit fesselt mich von Jahr zu Jahr mehr und im gleichen Maße wächst wohl auch die Qualität - jedenfalls gab ich mir Mühe - von erst 2-3000 ist er in der Auflage auf 10 - 12 000 gestiegen und ich habe manchen Freund gewonnen mit dieser Arbeit.“
Die Begeisterung war auch beim Herausgeber groß. Schon 1936 war im Kalender zu lesen: „In diesem Jahr konnten wir die Monatstafeln kalendermäßig ausschmücken ... Wir verdanken dies dem Kunstmaler A. Paul Weber, der uns die Holzschnitte für Titel, Kopfbilder und Leisten schenkte.“ (Anm. 122)
Wie bei vielen Aufträgen stand für Weber nicht das Honorar im Vordergrund - die nordschleswiger Freunde konnten nur wenig oder gar nichts bezahlen - sondern die Freude an der Aufgabe. Weber schrieb am 11.3.1934 an Schmidt-Gorsblock, der sich wohl sorgte, daß seine Wünsche zu groß wären: „Warum erwarten Sie immer von mir eine Absage? Wenn Sie nur immer daran denken möchten, wie gern ich Ihnen zur Verfügung stehe. Wir sind doch keine Kaufleute. Und es ist nicht richtig - daß Sie immer davon sprechen - Sie ständen dann so stark in meiner Schuld ... ich halte diese Arbeit für so wichtig, daß ich lieber eine andere zurückstellen möchte und - wenn es wirklich so eintrifft - ohne weiteres das auch tue. ... Ich bin betrübt, wenn man mich nicht fordert.“

Stilistisch kam vor allem die derbe Formensprache des Holzschnittes bei den heimatlichen Motiven dem Geschmack des ländlichen Publikums entgegen. Weber schrieb am 14.10.1937 an Schmidt-Gorsblock: „Mit gleicher Post geht ... der Bildstoff ab. Auf dem Apfelboden - das werde ich noch weiter ausspinnen - am Webstuhl - vor der alten Truhe - beim Vieh - am Herd - im Garten - und als Hintergrund immer die Luft, der Duft des alten lieben Bauernhauses. Das gibt eine Mappe, und Sie schreiben den Text dazu ...“

Im Jahrgang 1937 erschien eine halbseitige Anzeige, die für „Handdrucke der Clan-Presse. Holzschnitte von A. Paul Weber“ als „Wandschmuck“ warb, die durch den Deutschen Jugendverband Tondern bezogen werden konnten.

Da längst nicht alle veröffentlichten Bilder - vor allem anfangs - eigens für den Kalender geschaffen worden waren, war das Spektrum bunt gemischt und reichte von Möbelentwürfen über Glasfenster und Ölgemälde bis hin zu „Britischen Bildern“. Weber nahm aber auch die Gelegenheit wahr, künstlerisch aufwendige Zeichnungen eigens für den Kalender anzufertigen, wie das Blatt „Der Briefschreiber“, das im Jahrgang 1944 erschien (Abb. 256). Das Motiv war von besonderer Eindringlichkeit und Aktualität. (Anm. 123) Der „Briefschreiber“ wirbt nicht für ein heldenhaftes Soldatentum, wie es mancher in dieser Zeit gerne gesehen hätte; Weber schildert hier, wie oft bei seinen Soldaten-Darstellungen, einen Moment der inneren Sammlung und persönlichen Reflexion.

Mit Schmidt-Gorsblock verband Weber eine lebenslange, tiefe Freundschaft. (Anm. 124) Er war gerne zu Gast in der abgeschiedenen Idylle des Hofes von Gorsblock. Zwischen 1936 und Mai 1944 reiste er fünf Mal dorthin, u.a. half er im August 1943 für drei Wochen beim Einbringen der Ernte „ ... natürlich mit Arbeiten für den Kalender 44 durchsetzt.“ Weber malte das Haus und den Hof (Anm. 125), porträtierte - als Honorar für die Knivsberg-Broschüre - Hans Schmidt-Gorsblock und dessen Frau Misse (Anm. 126), sowie deren Mutter, fertigte ein Hauszeichen (Anm. 127), baute Drachen und illustrierte Erzählungen und Bücher Schmidt-Gorsblocks. Vor allem der liebevoll und mit viel Sachkenntnis bewirtschaftete Garten faszinierte Weber. Er versuchte, diesem „Ideal“ zuhause in Groß-Schretstaken nachzueifern, wofür er oft Pflanzen aus Gorsblock geschickt bekam. „Und es ist nicht nur eine Zuflucht zu einer Welt, die mich immer mehr fesselt und tröstet. In der anderen erstickt das Edle und Göttliche doch immer mehr.“ (Anm. 128)

Als Symbol für den Überlebenswillen der Menschen kann die Zeichnung „Die alte Eiche“ (Abb. 257) angesehen werden, die 1945 im Kalender erschien. Ihr war ein Gedicht „Der Wetterbaum“ von Schmidt-Gorsblock gegenübergestellt, das nicht nur die Zusammenarbeit der beiden Künstler verdeutlicht, sondern auch in seiner markigen Diktion den Zeitgeist widerspiegelte: „Von allen Samen, - den ungezählten - / die Lebensmächte ein Keimlein wählten, / Die anderen verdarben durch Wetter und Wurm; / nur einer zog Stärke aus Winter und Sturm. / Er hob aus der Tiefe den Saftstrom der Erde, / damit er im Lichte gekeltert werde, / und flocht draus der Krone weitspannendes Rund, / drang klammernd stets tiefer hinein in den Grund. / Wohl trafen ihn Sturmstoß und Wetterflamme, / wohl nagte der Eiszahn am narbigen Stamme, / er bleibt doch - und opfert er bitteren Sold - / unbeugsam und fest: wie das Schicksal gewollt.“

Die letzten Kriegsmonate

1944 mußte Weber jederzeit damit rechnen, eingezogen zu werden. Er schrieb am 21.2.1944 an Theo Schneider: „ ... ich habe ja meinen Bereitstellungsschein schon im Schubkasten und das kann ja alle Tage kommen, daß ich los muß“. Im September 1944 war es soweit. Weber kam zunächst nach Neumünster. In einem Brief an seine Frau bat er darum, Tochter Gertrud möge doch mit dem Rad kommen und Obst, Zwiebeln, einen Rasierapparat sowie Löffel, Gabel und Messer bringen - „Toni, Dir graut wohl? - jeder Brief bringt Dir Wünsche und Arbeit ... Sprich doch mal mit Hüsch ... daß die Kinder passende Gasmasken erhalten! - Das ist unbedingt wichtig und damit üben - sie schnell aufzusetzen.“
Kurz darauf kam er nach Wolterdingen in der Nähe von Soltau zur 4. Kompanie der Landsturmabteilung I/10, wo er vor allem als Kartenzeichner arbeitete. Ende Oktober wurde er zur 2. Kompanie des Landesbau-Pionier-Bataillons in Biene im Emsland versetzt. Er zeichnete Karten, Pläne - z.B. für Brückensprengungen - und fällte Bäume. Die Arbeit befriedigte ihn nicht. Sein eigenes künstlerisches Schaffen lag brach. Durch Bitten an vermeintliche Fürsprecher wie Werner Kreie, Käthe Hügel, Melitta Wiedemann, Rittmeister Solms, Dr. Wundshammer oder Dr. Gülich bemühte er sich, dem Kriegsdienst zu entkommen und wollte dazu seine Werke als Empfehlung bei „amtlichen Stellen“ einsetzen. Er verweigerte sogar die Teilnahme an einer Ausstellung, die wohl von einer solchen amtlichen Stelle angeordnet worden war und schrieb an Kreie: „ ... so lang die Stelle mir keine ‘Freiheit’ verschafft - wird sie wohl auch damit keinen Erfolg haben - denn ich kann die Ausstellungsstücke nur bearbeiten - wenn ich daheim sein kann. Und zum Schaffen ist mein Arbeitstisch, meine ganzen gesammelten Unterlagen von großer Wichtigkeit ...“ Er legte den Vorgesetzten in seiner Kompanie Veröffentlichungen der „Britischen Bilder“ und Ausgaben von „Signal“ und „Die Aktion“ mit Abdrucken aus der „Leviathan-Reihe“ vor - doch ohne Erfolg. Für Weber muß dies eine erneute Demütigung gewesen sein. Wieder hatte er seine Bedeutung überschätzt. Der „große Künstler“, als den er sich gerne sah, fand keine Beachtung oder gar Bevorzugung. Frustriert schrieb er am 11.11.1944 an seine Frau: „ ... da hat wohl jeder Einflußreiche irgendeinen - den er vorm Kommis bewahren will - sicher abends bei der SS ... und so wird da oben wohl an jedem gewichtigen einflußreichen Mann ein Schwung von Bittstellern hängen - ich kann mir das gut vorstellen und ehe da APW an die Reihe kommt - das kannst Du Dir ja denken - also keine großen Illusionen.“ Die gefährliche Bemerkung über die SS, die Weber hier in einem durch die offizielle Feldpost beförderten Brief machte, zeigt seine Naivität in diesen Dingen. Fast wie der von ihm so geschätzte Simplicissimus von Grimmelshausen, der trotz oder wegen seiner Naivität unbeschadet durch die Wirren des 30jährigen Krieges stolpert, überstand auch Weber diese Zeit.
Doch gab er die Hoffnung auf Protektion nicht auf. Noch am 23.2.1945 schrieb er an seine Frau: „Nun noch zu den brit.Bildern - ich will nichts unversucht lassen - zu überzeugen. Das kann ich am besten durch die geleistete Arbeit - die hier kaum einer schon recht kennt - der Major hat das eine Aktionsheft schon gelesen und die Br.Bilder sollen folgen - daß wenigstens diese Herren vom Batl. [= Bataillon] selbst nicht mehr gegen eine Abkommandierung sind. Dieser Tage hatte ich wieder allerlei Karten zu zeichnen - ich stürze mich immer mit Eifer auf die Arbeit - mit ihr fertig zu werden und die Zeit zu gewinnen für etwas besseres - man wird aber alles zusammensuchen um mich zu beschäftigen. - Ich werde evtl. auch einen kl. Vortrag vor den Kameraden über meine Arbeit (Br.Bilder) halten wenn auch vielen das Schaffen - das Schöpferische noch nicht aufgegangen ist - vielleicht habe ich eine gute Stunde und es gelingt mir - sie - und darunter sind viele harte Nüsse - zu packen. ... Was mir immer noch durch den Kopf geht - mach dich immer mit dem Gedanken vertraut - daß ihr eines Tages doch noch mehr zusammenrücken müßt - den Anspruch auf Wohnzimmerlogen hat niemand mehr. Wenn ich ja mal heimkommen sollte - bleibt mir hoffentlich noch eine Ecke zum Schaffen ... Ich werde aber nun abends, da die Juckerei einen nicht mehr halb wahnsinnig macht - wieder eher schaffen können solang bin ich nun schon hier und machte in der näheren Umgebung erst neulich Entdeckungen. Schöne Stellen hügeliger Heidewinkel ! mit Käfern, ... , Gräsern und Moosen - ganz lieb und entzückend - da gehe ich oft so zwischendurch hin und genieße - ihr werdet mich nicht für närrisch halten wenn ich trotz der bedrückenden „Lage“ euch auch mal Pflänzchen von diesem Eckchen zum Eingraben schicke - sei es wie es wolle - ich habe diesen Trieb - anzulegen und zu pflanzen und werde wohl selbst in tollen Tagen das nicht aus dem Auge lassen - ich gehe auch immer durch die Landschaft recht aufgeschlossen und empfänglich - wie viele alte schöne so halb zerfallene Stadel, Scheunen, Ställe habe ich mir angesehen mit dem Maler- oder Zeichnerauge - das ist ein ganz großer Genuß und Reichtum - am liebsten zeichnete ich eine ganze Reihe so hin - um zu zeigen was da alles für Sonderheiten und Schönheiten verborgen sind. Sie sind so selbstverständlich - ohne Absicht und lang gewachsen - die Menschen sehen das wohl kaum oder sehr selten - so habe ich immer etwas vor und folge dem - so lang für uns die Tage noch so einigermaßen ruhig sind. Beim Bau der Emsstellung weiter südlich ist mehr zur Zeit los - am Horizont und Himmel kannst du es ablesen. - Weißt du ich habe die Einstellung - mit meiner Gabe meiner Leistung bin ich ja auch am Schlachten schlagen und wenn andere verlieren - ich möchte so viel Kraft haben - meine Schlacht werde ich gewinnen. ... Ich kann das nicht so Sagen wie es mir ums Herz ist.“ Dem Brief legte er eine kleine farbige Zeichnung für die jüngste Tochter bei: Ein Mädchen, das Schneeglöckchen läutet (Abb. 258).

Weber veröffentlichte in der Zeitschrift „Signal“ seine Blätter, er erhielt dafür sogar Weihnachten 1944 Arbeitsurlaub, ebenso im März 1945. Später schrieb er: „ ... hatte auch etwas Glück: ich hatte 4 Wochen Urlaub im März - als er ablief - war die Truppe an der Ems überrannt - ich wurde vom OKW [= Oberkommando der Wehrmacht] Hbg. [= Hamburg] zu den Landesschützen nach Mölln überschrieben und saß daheim - als die Panzer Schretstaken überrollten - alles blieb heil.“ (Anm. 129)

Toni Weber schilderte die Lage in Groß-Schretstaken: „Hier bei uns ist noch immer alles ruhig und friedlich, nur ab und zu überfliegen uns die Yankees in endlosen Geschwadern. Es wird sogar auch Alarm gegeben, weil ja häufig Landleute auf den Feldern beschossen wurden, aber bis jetzt ging alles unberufen gut ab!“ (Anm. 130)
Das Haus in Groß-Schretstaken war mit Flüchtlingen belegt: Die Schwiegermutter und die Schwägerin waren ausgebombt, der ältere Bruder Hans aus einem türkischen Internierungslager entlassen worden. Bereits seit September 1944 hatte sich die ausgebombte Familie Sudau aus Kiel zu den Webers geflüchtet, deren Vater, ein Korvettenkapitän, sich aus Angst vor Deportation versteckt hielt. Insgesamt wohnten 15 Personen im Haus, darunter neun Kinder im Alter zwischen zwei und zehn Jahren. Weber schrieb später: „ ... emsige Arbeit im Garten folgte, die vielen Mäuler - (die Verwandtschaft aus Speyer 7 an Zahl lag hier für ein halbes Jahr) möglichst mit eigener Scholle zu stopfen.“ (Anm. 131) Bei all dem Trubel arbeitete er im Keller und versuchte, die Litho-Presse für eigene Drucke einzurichten. Abends wurde musiziert und Gäste kamen zur Besichtigung neuer Werke.

Während der Kriegszeit lebte die Familie in ständiger Sorge um die Kinder, vor allem um den ältesten Sohn Christian, der mehrfach verwundet worden war, ein halbes Jahr lang im Lazarett lag, dann in Italien an Malaria und Gelbsucht erkrankte und im April 1945 in britische Gefangenschaft geraten war. „Christian ... hatte schon viel mitgemacht und ungeheueres Glück entwickelt x mal total verheizt - oft als letzter davon gekommen nun sitzt er mobil in England ...“ (Anm. 132) Während der Militärzeit des Sohnes hatte Weber sogar durch ein Gesuch Urlaub für ihn erwirkt, um ihn als Soldaten zu porträtieren. Die Kriegserlebnisse Christians bewegten den Vater sehr. Als die Nachricht von einer schweren Halsverwundung durch einen Granatsplitter eintraf, schrieb Weber am 3.2.1945 an seine Frau: „Ich mache mir oft auch Gedanken - was ‘unser Bube’ für starke Erlebnisse - bisher - Stimmungen und Erschütterungen durchgemacht hat - sie sind nur möglich unter Einsatz des Lebens und wenn es 100 000 auch erlebten - unser Christian mit unseren Augen nimmt das Geschehen wohl besonders stark auf - ich meine auch das Bildhafte - da hindurch gekommen zu sein - das ist beneidenswert und ich setze mich an seine Stelle (und irgendwie sind wir doch bei ihm ‘dabei’) so wäre das eine große Bereicherung und gäbe im Schaffen hohe Ergebnisse - ich vergesse nicht - wie er von der Begegnung mit den Engländern in der Mondnacht schreibt - das muß ungeheuer sein - ein solches Bild -“

Auch von Tochter Ulrike, die im Oktober 1943 als Nachrichtenhelferin nach Posen gehen mußte, hatte man Nachricht: „Ulrike die Süße - hat uns auch tüchtig Sorgen gemacht - sie kam doch damals aus Posen raus - war daheim und fuhr dann nochmals los über Kottbus, landete im März im Harz in Harzgerode - wir hatten lange Zeit keine Nachricht von ihr - sie hat sich so unterm Amerikaner verkrümelt ... ist dort geblieben als der Russe das Gebiet übernahm ... Am schönsten war es mit unserem Mölle [= Hartmut] - der kam 8 Tage nach Schluß zu Fuß hier an - groß, besser lang - und gut durchgefüttert mit 15 Jahren als Pz [= Panzer]meister mit eingesetzt in Bremerhaven - aber vor dem Schluß Rückzug über die Elbe und ab Richtung Heimat.“ (Anm. 133) Die beiden anderen Kinder, Gertrud und die kleine Toni, waren zuhause geblieben. Gertrud war zum Kriegsdienst bei ortsansässigen Bäuerinnen, Mundt und Hamester, abkommandiert worden. „Sie fährt Mist wie ein alter Knecht und singt dabei, daß es durch ganz Schretstaken schallt.“ (Anm. 134)

Trotz seines Aufenthaltes bei der Kompanie hatte Weber sein künstlerisches Anliegen nicht vergessen. Selbst wenn er nicht die Möglichkeit zum Zeichnen hatte, beobachtete er aufmerksam seine Umgebung, hörte Berichten zu, die er später in Bilder umzusetzen gedachte. Wegen der Schwierigkeit, Papier und Malmaterial zu bekommen, entstanden in dieser Zeit nur wenige großformatige Zeichnungen und man darf annehmen, daß Weber solche nur den ihm besonders wichtigen Themen vorbehielt. Eine großformatige, „1944/45“ datierte, besonders sorgfältig ausgearbeitete und subtil kolorierte Federzeichnung, die ohne Auftrag entstanden war und zu Webers unverkäuflichen Blättern gehörte, zeigte die politische Situation kurz vor Kriegsende. Er gab ihr unter Verwendung eines offiziellen, allgemein bekannten Schlagwortes den Titel „Die Verstockten - ‘Deutschland erwache!’“ (Abb. 259). Die Aufforderung, sich gegen die Nationalsozialisten zu wehren, verhallt ungehört: In den Trümmern des Krieges, zwischen den Gebeinen der Toten, haben alle den Kopf in den Sand gesteckt. Ihre Gliedmaßen sind hakenkreuzartig abgewinkelt, ein Uniformierter hält sogar jetzt noch die Hände stramm an die Hosennaht. Das unvermeidliche Ende des Dritten Reiches will niemand wahrhaben. Selbst diese Aussage vermittelte Weber in einer irrwitzig-groteske Bildsprache - etwa durch die Figur der Dame, der in dieser Haltung der Rock über den Kopf fällt. Wahrscheinlich hätte ein Nationalsozialist in den „Verstockten“ jene erkannt, die durch Passivität den „Endsieg“ erschwerten. Die Austauschbarkeit - ja sogar diametrale Umkehrbarkeit - von Bildaussagen war jedoch Webers künstlerisches Mittel und Chance, überhaupt derartige Motive in dieser Zeit zeichnen zu können. Er schrieb am 5.11.1945 an seinen Künstlerfreund Alf Depser: „Der Stoff drängt und das Herz will sich befreien.“ (Abb. 260)




Anmerkungen

(Anm. 001) Schumacher Illustriertes Werk, I, 75.

(Anm. 002) Ebd. I, 79.

(Anm. 003) Ebd. I, 80.

(Anm. 004) Das Schwarze Korps. Zeitung der Schutzstaffeln der NSDAP. Organ der Reichsleitung SS. Folge 13, 29.5.1935, S.12.

(Anm. 005) Gespräch Webers mit Harald Isermeyer 1974, zitiert nach Isermeyer Widerstand, S.40.

(Anm. 006) Bundesarchiv Berlin, NS 15/35, Bl.102 (Paul Weber Kunstmaler II 214 2 PA 25894/38 Dsl/Schr.)

(Anm. 007) Handschriftliche Notiz Webers (Archiv des A. Paul Weber-Museums, Ratzeburg)

(Anm. 008) Vgl. Ernst Jünger: Ausgehend vom Brümmerhof. In: Scheidewege. 1974, S.613.

(Anm. 009) Bericht der Abteilung II C im Gestapa Berlin.- Vgl. Hans Buchheim: Die SS - Das Herrschaftsinstrument Befehl und Gehorsam. Olten 1965, S.65.

(Anm. 010) Bundesarchiv Koblenz, R 58 /753, fol.70.

(Anm. 011) Ebd.

(Anm. 012) Vgl. Noll, S.294 f.

(Anm. 013) Vgl. Noll, S.296.

(Anm. 014) Bundesarchiv Berlin, Tgb. Nr. 2081 / 37 - II C. - Vollständiger Wortlaut bei Nicolin 50 Jahre, S.24-26.

(Anm. 015) Pius XI. verwahrte sich in seiner Enzyklika „mit brennender Sorge“ gegen die nationalsozialistische Kirchenpolitik.

(Anm. 016) Vgl. Klaus Körner: Eberhard Taubert und der Nibelungen-Verlag. In: Aus dem Antiquariat. H.8, 1997, S.A 406. - Körner vermutet, daß für diese Vergünstigung die Fürsprache von SS-Hauptsturmführer Wilhelm Spengler maßgeblich gewesen sein könnte, der Weber aus der Bündischen Jugend kannte und später den Artikel „Volksdeutsche Schicksale“ (In: Das Reich. 9.8.1942, S.118 f.) verfaßte, der mit Webers Bildern aus der Leviathan-Reihe erschien.

(Anm. 017) Staatsarchiv Hamburg. 213-11 Staatsanwaltschaft. Landgericht Strafsachen Toepfer 8236/41 Handakte Bd.1. Beiakte 2, Gestapo-Akte Juni-Nov.1037, Bl.72.

(Anm. 018) Brief von Alfred Toepfer an Otto Heinrich Droege, 10.7.1937, Haftcontrollstelle 38/213/37, I/21.

(Anm. 019) Archiv des A. Paul Weber-Museums, Ratzeburg.

(Anm. 020) Peter Rühmkorf : Der Zeichner A. Paul Weber. 1980, S.48 (unveröffentlichtes Manuskript), (Archiv des A. Paul Weber-Museums, Ratzeburg).

(Anm. 021) Ebd. S.48 f.

(Anm. 022) Vgl. Schumacher Gebrauchsgraphik, Nr.363.

(Anm. 023) Der deutsche Kaufmann im Ausland. 1938. H.3, S.99-101.

(Anm. 024) Brief Webers an Andreas Probst, 7.1.1938. - Vgl. auch Werner Timm: Thallata! Thallata! Das Strandbild im Zeitalter des Massentourismus. Ausst. Kat. Museum der Ostdeutschen Galerie Regensburg, 1989.

(Anm. 025) Brief an Hans Schmidt-Gorsblock, undatiert, wohl Ende Oktober 1937. - Vgl. Krämer Waldbilder, S.13.

(Anm. 026) Zitiert nach Krämer Waldbilder, S.13.

(Anm. 027) Vgl. Ernst Niekisch: Gewagtes Leben. Begegnungen und Begebnisse. Köln 1958, S.143.

(Anm. 028) Hornbläser, Blumenfreund, Holzfäller, wildernde Katze, Kreuzotter, verirrtes Kind, Erhängte, Fuchs, Bock und Ricke, Waldbrand, ein Anschlag, der Tod erbarmt sich eines alten Bauern, Eichhörnchen, Falke, ein vergewaltigtes Mädchen.

(Anm. 029) Brief von Weber an Hermann Krämer, 30.6.1976.- Vgl. Krämer Waldbilder, S.19.

(Anm. 030) Manfred R. Beer: Der Grübler aus Schretstaken. In: Die Welt. 29.5.1976, S.III.

(Anm. 031) Vgl. hierzu Günther Nicolin: A. Paul Weber. Schachspieler. Hamburg 1988.

(Anm. 032) Vgl. K. W. Kluger: Schachspiel der Weltgeschichte. In: Die neue linie. 1940. H.11, S.23-25.

(Anm. 033) Vgl. den Brief von Walther Siemers an Edgar Brinkmann, 16.9.1937.

(Anm. 034) Niekisch schrieb dazu: „Anfang 1936 hatte ich den Eindruck, daß sich Weber von der Widerstandsarbeit distanzierte. Er mochte für seine große Familie Sorge tragen. Weber kam nicht mehr nach Berlin, die Briefe wurden seltener, und ihr Ton begann mir zu mißfallen.“ (Ernst Niekisch: Gewagtes Leben. Begegnungen und Begebnisse. Köln 1958, S.145).

(Anm. 035) Eidesstattliche Versicherung Webers 1948 (Kopie im Archiv des A. Paul Weber-Museums, Ratzeburg)

(Anm. 036) Brief von Fritz Goetze an Toni Weber, 12.10.1937.

(Anm. 037) Document Center Berlin, Handakten des Oberreichsanwalts beim Volksgerichtshof, Strafsache gegen A. Paul Weber, fol.1 ff. - Vgl. Noll, S.306 ff.

(Anm. 038) 1936-42 war Thierack Präsident des Volksgerichtshofes in Berlin - ein unter Ausschaltung des bislang dafür zuständigen Reichsgerichts eigens geschaffenes Sondergericht zur raschen Aburteilung von Fällen von Hoch- und Landesverrat sowie anderer politischer Straftaten gegen das Dritte Reich. Gegen die Urteile des Volksgerichtshofes gab es keine Berufung.

(Anm. 039) Vgl. Noll, S.310.

(Anm. 040) Vgl. Schumacher Illustriertes Werk, I, 88.

(Anm. 041) Alf Depser (Nürnberg 1899 - 1990 Loog/Juist). Mitglied im Wandervogel. Militärzeit 1917-19 in Ingolstadt und Nürnberg. Chemischer Ingenieur in Wittenberg und am Niederrhein. 1924 Wanderung nach Ostfriesland (Norden). 1926 Staatsschule für angewandte Kunst, Nürnberg, Graphikklasse Rudolf Schiestl. Ab 1929 freischaffend in Ansbach. Mitglied im Nürnberger „Widerstandskreis“. Bekanntschaft mit Ernst Niekisch; Freundschaft mit Weber, der ihm nach Schiestls Tod 1931 zum künstlerischen Vorbild wird. 1937 Ansiedlung in Loog auf Juist. Enge Beziehung zu Friedrich Georg Jünger, der nach dem 2.Weltkrieg regelmäßiger Gast auf Juist wird, und - nach 1945 - zum Illustrator Werner Klemke. Verheiratet, drei Kinder. Träger des ostfriesischen Indiginat (1978). Zum umfangreichen Werk gehört neben Ölbildern und Aquarellen (überwiegend Landschaften) eine Holzstichserie ostfriesischer Kirchen. Zahlreiche Veröffentlichungen seines graphischen Werkes und der Erzählungen, u.a. im Bauernkalender (Hannover) und im „Ostfreeslandkalender“ (Norden). Die Freundschaft zu Weber schloß auch Hilfe bei der künstlerischen Arbeit ein. So schnitt Depser 1935 nach Entwürfen Webers die 12 Holzdruckstöcke für das Kalendarium des „Deutschen Volkskalenders Nordschleswig“; auch nach dem 2.Weltkrieg noch umfangreiche Korrespondenz und gegenseitige Besuche.

(Anm. 042) Für die Firma, die Dichtungsringe herstellte, hatte Weber 1923 und 1935 Firmensignets entworfen (Schumacher Gebrauchsgraphik, Nr.168, 169 und 340). Goetze besuchte Weber 1937 in Deutschland.

(Anm. 043) Brief von Fritz Goetze an Weber, 5.3.1938.

(Anm. 044) Max Schmeling hatte hier drei Jahre zuvor überraschend den bis dahin ungeschlagenen Joe Louis besiegt. 1943 zeichnete Weber das satirische Blatt „Abgott der Menge“, das einen umjubelten, aber völlig lädierten Boxer zeigt (Monsheimer, Taf.9; Hoppla Kultur, Abb. 26).

(Anm. 045) Mindestens zwei Palmenlandschaften brachte er mit nach Hause; eine hing von da an in seinem Arbeitszimmer in Groß-Schretstaken.

(Anm. 046) Brief Webers an Walther Obermiller, 26.3.1939.

(Anm. 047) Toni Henriette Weber-Wolter. Geboren am 3.7.1939 in Reinbek, lebt in Reinfeld. 1944-45 schwere Diphterieerkrankung. Heilpraktiker Emil Stramke kommt mehrfach aus Hagenow, um zu helfen. 1946 Einschulung in Groß-Schretstaken. 1954 Pflichtschulzeit beendet. Bis 1960 Groß-Schretstaken, nur in der ersten Jahreshälfte 1958 im Haushalt Viktor Müller, Nürnberg. 1960-61 Haushalt auf der Domäne, einem Gut in Ratzeburg. 1961-62 Mölln. 1963 Arbeit im DAK-Erholungsheim Kranzeck/ Immenstadt (Allgäu). 1963-64 Haushalt Ebbinghaus (Bekleidungsgeschäft), Berlin. 1964-66 Lehre als Einzelhandelskaufmann, Fa. W. Kahdemann (Dekorationsstoffe, Tapeten). 1967 Geburt eines Sohnes und Rückkehr nach Groß-Schretstaken. Besonders nach dem Tod der Mutter (1968) Führung des Haushaltes. 1983 Heirat mit Wilhelm Wolter.

(Anm. 048) Der über 300 Mitglieder umfassende „Weber-Kreis“ mit einer Abnahmeverpflichtung von zwei Blättern pro Jahr hatte auch nach dem Tode Webers Bestand und wird noch heute durch das Drucken von Litho-Steinen aus dem Nachlaß aufrecht erhalten.

(Anm. 049) Die Lithographie „Swinegel“ erreichte sogar eine verkaufte Auflage von 1.078 Stück.

(Anm. 050) Vgl zur Technik: Dorsch Lithographien, S.11.

(Anm. 051) Zur Wahl standen offiziell sechs Motive - „Das Verhängnis“ und „Der Dickfellige“ wurden außerhalb der Wahl angeboten.

(Anm. 052) Arp Griffelkunst, Text zu Abb. 11.

(Anm. 053) Ebd., Text zu Abb. 7.

(Anm. 054) Brief von Weber an Alf Depser, 21.3.1943.

(Anm. 055) Das gleiche Motiv schon in „Widerstand“. 1931. H.11, S.333.

(Anm. 056) Das gleiche Motiv bereits bei den Schachbildern 1937.

(Anm. 057) Schon 1935 stellte Weber den machthungrigen Napoleon - wohl mit Anspielung auf Hitler, der Napoleons Grab 1940 nach dem Waffenstillstand besucht hatte - als Tyrannen dar, der im Stechschritt über die gebeugten Rücken einer schier endlosen Menschenmenge marschiert (1936 abgebildet in Hugo Fischer, Taf.48).

(Anm. 058) Mitgeteilt von Hans-Ulrich Stuhr und Carl-Ernst Roewer, Ratzeburg.

(Anm. 059) Dorsch Lithographien, Nr. 761 - 763.- Weber vermerkte in einem „Druckerbuch“: „(1.Fassung 1935 - zerstört)“

(Anm. 060) Arp Griffelkunst, Text zu Abb. 16.

(Anm. 061) Brief von Weber an eine 6. Schulklasse in Lübeck-Kücknitz, 20.1.1962.

(Anm. 062) Henrike Junge: Das „wohlfeile“ Original. Die Verbreitung von Künstlergraphik seit 1870 und die Griffelkunst-Vereinigung Hamburg-Langenhorn. Diss. Oldenburg 1987.

(Anm. 063) Honoré Daumier (Marseille 1808 - 1879 Valmondois) war der wichtigste französische Karikaturist und Satiriker des 19. Jahrhunderts. Der künstlerische Autodidakt erlernte 1825-30 in Paris die Technik der Lithographie und begriff sie als Medium zur billigen Vervielfältigung und damit Verbreitung seiner Bildideen. Seit 1832 war er ständiger Mitarbeiter der satirischen Zeitschriften „La Caricature“ und „Le Charivari“. In etwa 4.000 Lithographien griff er Dummheit, Diktatur, Korruption, Mediziner und vor allem die Juristen heftig an und erhielt dafür eine sechsmonatige Gefängnisstrafe. Trotz seiner ungeheueren Schaffenskraft blieb er ein Leben lang arm.

(Anm. 064) Werner Kreie (Bad Oeynhausen 1916 - 1962 Hameln). Früher Kontakt zu Hjalmar Kutzleb in Minden (Kreies ältere Schwester Ruth war Schülerin Kutzlebs) und zum „Widerstandskreis“, vor allem zu Weber und den Brüdern Jünger. Großes Kunstinteresse. Nach dem Abitur Reichsarbeitsdienst. 1937 Unterstützung Toni Webers während der Haftzeit ihres Mannes, Freundschaft mit Christian Weber. Im 2.Weltkrieg zunächst in Belgien und Nordfrankreich, ab 1942 in Siebenbürgen. Ölporträt Webers von Kreie als Soldat in Uniform. Nach 1945 Architekturstudium an der Technischen Hochschule Darmstadt. 1953 Heirat mit Angela Küster. Kreie lebte in Kronberg im Taunus, später in Mammolshain, und arbeitete in Frankfurt a. M. 1962 nach Krebserkrankung Umzug ins Städtische Krankenhaus Hameln, wo seine Schwester Ruth das Krankenhauslabor leitete.

(Anm. 065) Vgl. Schumacher Gebrauchsgraphik, Nr.414.

(Anm. 066) Vgl. Thomas Noll: „Zwischen den Stühlen“. A. Paul Weber. Britische Bilder und ‘Leviathan’-Reihe. Münster, Hamburg 1993.

(Anm. 067) Vgl. Schumacher Illustriertes Werk, II, 91.

(Anm. 068) Peter Rühmkorf berichtete 1980 in einem unveröffentlichten Manuskript über ein Gespräch mit Weber. Hierbei hatte er den Künstler nach eventuellen Porträtähnlichkeiten in den „Britischen Bildern“ befragt. Weber antwortete ihm: „Bei dem ‘Börsenjobber’ ... stellt sich die enthüllende Assoziation sogar ohne jedes Nachfragen ein: ‘Na, bei diesem Kriegsgewinnler hab ich wohl so’n bißchen an den Toepfer gedacht.“ Am 23.8.1985 klagte Arie Goral gegen die öffentliche Präsentation des „Börsenjobbers“ bei der Griffelkunst-Jubiläumsausstellung im Hamburger Congress-Centrum wegen Verdachts der Volksverhetzung, da er in den Gesichtszügen einen Juden zu erkennen glaubte und das Blatt für antisemitisch hielt. Das Verfahren wurde eingestellt. Die Anwälte hatten am 7.1.1986 argumentiert: „Ist schon der Vorwurf der Kollaboration mit den Nazis verfehlt, so erst recht der Vorwuf des Antisemitismus. Herr Arp hat schon 1982 darauf hingewiesen ... , daß Weber 1968 ein Buch von Günther Anders mit 13 Lithographien ausgestattet hat. Wenn ein prominenter deutscher Jude wie Anders, der heute in Wien als undogmatischer Sozialist und unermüdlicher Warner vor dem Holocaust lebt, in dieser Weise mit Weber, dessen gesamtes Werk ihm bekannt war, zusammengearbeitet hat, wird ernsthaft die Frage erlaubt sein, ob man Weber antisemitische Tendenzen unterschieben kann. Das beanstandete Bild gibt dafür nichts her.“

(Anm. 069) Es handelte sich um Illustrationen zu Gustav Frenssen: Der Untergang der Anna Hollmann. - Vgl. Schumacher Illustriertes Werk, I, 87.

(Anm. 070) Houston Stewart Chamberlain: England. In: Kriegsaufsätze. München 1914, S.44-67, hier S.48.

(Anm. 071) Ernst Graf von Reventlow: Der Vampyr des Festlandes. Berlin 1939.

(Anm. 072) Brief von Weber an Georg Kallmeyer, 14.3.1940.

(Anm. 073) Alfred Rosenberg war Beauftragter für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP.

(Anm. 074) Die Aktion. 1.Jg. Januar 1940, gegenüber S.129.

(Anm. 075) Illustrationen und politische Zeichnungen. Ausstellung im Graphischen Kabinett beim Verein Berliner Künstler, 22.7.- 15.9.1940, Nr.181-195.

(Anm. 076) Vgl. Noll, S.350 f.

(Anm. 077) Melitta Wiedemann (St. Petersburg 1900 - 1980 München). Der Vater (Jurist, Orientalist) wurde zum Direktor der Russischen Staatsbank im Auslandsbereich Persien berufen. Umzug der Familie - vier Kinder - nach Teheran. 1917 Abitur an einem Internats-Gymnasium in Baku/Aserbaidschan. 1921/22 Flucht nach Berlin. Beginn eines Volkswirtschaftsstudiums. Schriftleiterin bei verschiedenen Zeitschriften. Buchveröffentlichungen zu Frauen- und Jugendfragen. In den 30er Jahren Hinwendung zu kirchlichen Publikationsorganen. 1936 Lungen-TBC. 1937 - April 1945 Redakteurin und Lektorin beim Nibelungen-Verlag, Berlin. Gleichzeitig auch Schriftleiterin der Zeitschrift „Volkstum und Glaube“ und seit November 1938 der Monatsschrift „Contra Komintern“, aus der später „Die Aktion“ hervorging. Neben Wiedemanns antisowjetischer Einstellung spielten hier vermutlich ihre vorzüglichen Sprachkenntnisse (Russisch, Englisch) eine Rolle. Durch Wiedemann entstand der Kontakt Webers - zunächst privat - zum Nibelungen-Verlag und dessen Leiter Bartels. November 1944 Verhaftung durch die Gestapo wegen des Verdachts auf Sabotage. Nach KZ-Aufenthalt durch Vermittlung politischer Freunde entlassen. Juli 1945 Flucht nach München aus Angst vor der sowjetischen Besatzungsmacht. Untersuchungshaft durch US-Militärbehörden. Ab 1948 beim Dom-Verlag tätig. Von 1955 bis 1965 - wohl durch Vermittlung Ludwig Weißauers - Sekretärin bei der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehörigen im DGB. Nach dem 2.Weltkrieg nur noch wenige Kontakte Webers zur „ewigen Idealistin“ (Karlheinz Janßen, Die Zeit), die sich allerdings genau wie er selbst gegen Atombedrohung und für mehr Umweltbewußtsein engagierte.


(Anm. 078) Wilhelm Westecker: Zeichnungen im Kampf gegen England. Zu A. Paul Webers „Britischen Bildern“. In: Die Kunst im Deutschen Reich. Ausgabe B. 5.Jg. Folge 3. März 1941, S.88-95.

(Anm. 079) Vgl. Schumacher Illustriertes Werk, I, 96.

(Anm. 080) „Daß Sie nicht die Situation ausnutzen würden, um auf Kosten der Briten Ihre Humore spielen zu lassen und Beifall zu scheffeln, verstand sich für mich von selbst. Das unterscheidet Sie eben von bloßem Talent.“ (Vgl. Ernst Jünger - Alfred Kubin. Eine Begegnung. 1975, S.60 und 62). Kubin war da weniger apodiktisch. Am 13.2.1942 signierte er das von ihm illustrierte Buch von Peter Scher „Gerade Dies“ für Weber mit den Zeilen: „Seinem lieben Collegen A. Paul Weber in herzlicher Anerkennung und schönstem Dank für die M-Pinsel“ und versah die Widmung, die sich darauf bezog, daß Weber ihm einmal mit Marderhaar-Pinseln ausgeholfen hatte, mit einer Zeichnung dreier Reiter.

(Anm. 081) Brief von Weber an Gerhard Grasshoff, 24.7.1978.

(Anm. 082) Erich Arp (Horneburg 1909 - 1999 Hamburg). 1915-28 Schulbesuch in Horneburg, Stade und Harburg. Abitur. Kontakte durch Klassenkameraden zum Wandervogel, vor allem aber zur Sozialistischen Arbeiterjugend. 1928-29 Pädagogikstudium. 1929-30 Tuberkulose. Kontakt zur Zeitschrift „Widerstand“. 1930-32 Studium in Hamburg und Berlin (Rechtswissenschaft, Journalistik, Volkswirtschaft). 1931 Eintritt in die Sozialistische Studentenschaft Deutschlands und Österreichs. 1932 Wechsel zur Reimann-Fachschule, einem Institut für Reklamefachleute. Studentenfunktionär des „Reichsbanner“. Bekanntschaft mit Niekisch und Weber. Lose Verbindung bis Anfang 1933. Nach dem Reichstagsbrand Emigration nach Amsterdam. Rückkehr noch im selben Jahr. Kaufmännischer Angestellter in Rellingen. 1933-45 Fabrikant der chem.-techn. Industrie. Arp eröffnete ein Butterschmelzwerk in Pinneberg. Kontakt zu Johannes Böse. 1938 erneutes Treffen mit Weber. 1940 Erwerb der Firma „Rode & Zerrath“. 1945 Mitbegründer und Vorstandsmitglied der SPD in Schleswig-Holstein und Hamburg. MdK Pinneberg. 1946-48 Minister für Wiederaufbau sowie Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. 1946-50 Mitglied des Landtags. 1949 Austritt aus der SPD. In der Nachkriegszeit enger Kontakt zu Weber, der häufig in Hamburg war. 1954 erstand die Firma „Rode & Zerrath“ neu als „Glashaus“. Vier großformatige Fenster nach Entwürfen von Weber wurden im 1. Stock eingebaut. 1957 Wiedereintritt in die SPD. 1961-75 Mitglied der Hamburger Bürgerschaft. 1970 Vorsitzender der Griffelkunst-Vereinigung Hamburg. Arp erwarb zahlreiche Ölgemälde, Zeichnungen und Lithographien Webers. 1977-78 schuf Weber im Auftrag der Firma „Rode & Zerrath“ 30 Graphiken zu den Themenkreisen „Welt der Tiere“ und „Hunger und Durst“, die auf Porzellanteller gedruckt wurden.

(Anm. 083) Arp Kritische Graphik und „Britische Bilder, S.15 f.

(Anm. 084) Wolandt Künstler und Werk, S.44.

(Anm. 085) Ludwig Weißauer (Prien am Chiemsee 1900 - 1973 München). Studium der Volkswirtschaft und Rechtswissenschaft in Würzburg und München. 1925 Promotion. 1927-29 Arbeit beim Völkerbund in Genf (Internationales Arbeitsamt). 1929 Beitritt zur NSDAP. Aufenthalte in England und Frankreich. Bis 1931 Rechtsanwalt in München. Umzug nach Berlin; Verlagsleiter der NS-Zeitung „Der Angriff“, Bekanntschaft mit Melitta Wiedemann. Als Anhänger des Berliner SA-Führers Walter Stennes im Mai 1931 auf Weisung des Berliner Gauleiters Goebbels aus der Partei ausgeschlossen. In der Zeit des spanischen Bürgerkrieges, des italienischen Überfalls auf Abessinien und des japanisch-chinesischen Krieges aus politisch-wirtschaftlichen Gründen in den betroffenen Ländern tätig. 1940 Luftgaukommando Hamburg. Gleichzeitig Mitarbeit im Reichssicherheitshauptamt, Abteilung Ausland. Geheime Verhandlungen in Schweden und Finnland (Möglichkeiten eines Friedensschlusses mit England; deutsch-finnische Beziehungen). 1942 Komturkreuz des Ordens der Weißen Rose von Finnland. 1945 amerikanische Kriegsgefangenschaft. Auf Grund des frühen Parteiausschlusses fand kein Entnazifizierungsverfahren statt. Syndikus der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger im DGB. 1957-61 Mitglied des Bayerischen Senats. Die jahrzehntelange enge Beziehung zu Melitta Wiedemann, durch die es 1940/41 zur Zusammenarbeit mit Weber gekommen war, hielt bis zum Tode Weißauers an.

(Anm. 086) Vgl. Schumacher Illustriertes Werk, I, 95.

(Anm. 087) Noll, S.422.

(Anm. 088) Carl Zuckmayer : Geheimreport. Göttingen 2002, S. 18. - Das englische Manuskript wurde im Dezember 1943 abgeschlossen.

(Anm. 089) Carlo Mierendorff (1897-1943). Herausgeber der Zeitschrift „Das Tribunal“. Von 1933-1938 in verschiedenen Konzentrationslagern interniert.

(Anm. 090) Theodor Haubach (1896-1945). 1934-1936 Konzentrationslager Esterwegen.

(Anm. 091) Henry Goverts (1892-1988). Leutnant der Feldartillerie im 1.Weltkrieg. Studium der Soziologie in Heidelberg. 1925 Promotion bei Alfred Weber über die Deutung der grundlegenden Bestimmungen im Volkserziehungsprogramm John Ruskins. 1927-33 Lehrer an der Volkshochschule Hamburg. 1934 Gründung des H. Goverts Verlags in Hamburg gemeinsam mit Eugen Claassen. Der größte finanzielle Erfolg des Verlags wurde die deutsche Ausgabe von Margaret Mitchells „Vom Winde verweht“ (1937). November 1938 Reise mit Claassen nach Kopenhagen zum emigrierten Gottfried Bermann Fischer. März 1945 Übersiedlung nach Vaduz (Liechtenstein), wo die zum Teil aus England stammende Familie ein Haus besaß. 1950 Trennung von Claassen und Gründung des (Alfred) Scherz & Goverts Verlags, den er von 1956-64 allein als H. Goverts Verlag weiterführte.

(Anm. 092) Vgl. Rebolledo-Godoy. - Vgl. Noll, S.391-404.

(Anm. 093) Noll, S.397.

(Anm. 094) Brief von Weber an Alf Depser, 15.2.1942.

(Anm. 095) Carl Weiss: Begegnungen mit dem Sowjetdasein. In: Das Reich, 22.3.1942.

(Anm. 096) Brief von Weber an Werner Kreie, 4.5.1942.

(Anm. 097) Brief von Weber an Walter Passarge, 30.9.1942.

(Anm. 098) Illustrierter Beobachter. 18.Jg. Folge 33-42, Hefte vom 19.8. - 21.10.1943.

(Anm. 099) Noll, S. 395-397.

(Anm. 100) Illustrierter Beobachter. 18.Jg. Folge 39.

(Anm. 101) Die A. Paul Weber-Gesellschaft brachte acht der erhaltenen Blätter als Faksimile-Drucke im Originalformat heraus: Alvaro Rebolledo-Godoy: A. Paul Weber. Leviathan. Ratzeburg 1999.

(Anm. 102) Eine entsprechende Bildfolge über die USA ist nicht nachweisbar. Im November 1941 veröffentlichte die Monatszeitschrift „Die Mode“ den polemischen Artikel „Politisierende Mode in den USA“ (vgl. Noll, S.410-414).

(Anm. 103) Die Federzeichnung wurde im März 1943 in der Zeitschrift „Berlin - Rom - Tokio“ mit dem Vermerk veröffentlicht, es handle sich um eines der „U.S.A. - Bilder“ Webers.

(Anm. 104) Ernst Herbert Lehmann: Politisierende Mode in den USA. In: Die Mode. Monatliche Auslese besten Modeschaffens. H.11, November 1941, S.19. - Vgl. Noll, S.410-414.

(Anm. 105) Vgl. Noll, S.418, Anm.1171.
1944 erschien nur die Griffelkunst-Lithographie „Der Orchideenjäger“. Im gleichen Jahr mußte der „Simplicissimus“ sein Erscheinen einstellen.

(Anm. 106) Zitiert nach Noll, S.418.

(Anm. 107) Vgl. zwei spätere, sehr ähnliche Lithographien: Dorsch Lithographien, Nr.2717 und 2718.

(Anm. 108) Schumacher Illustriertes Werk, II, 07.

(Anm. 109) Wilhelm-Busch-Museum Hannover, Inv. KG 18 I / 1964.

(Anm. 110) Wolandt Künstler und Werk, S.57.

(Anm. 111) Weber hat das Motiv später noch mehrfach gezeichnet und lithographiert. Vgl. Dorsch Lithographien, Nr.836 und 837.

(Anm. 112) NS-Kurier.13.Jg. Nr.210 vom 3.8.1943.

(Anm. 113) Festvortrag „A. Paul Weber in seiner Zeit“. Köln, 2.11.1993.

(Anm. 114) Vgl. Noll, S.430.

(Anm. 115) Schumacher Gebrauchsgraphik, Nr.378.

(Anm. 116) Tote Araber (Noll, Kat.Nr.16a)

(Anm. 117) Dorsch Lithographien, Nr.1655-1659; Monsheimer 50.

(Anm. 118) Vgl. Peter J. Sönnichsen: Spiegel der Jahre. Der deutsche Volkskalender Nordschleswig. Aabenraa 1993 sowie Wolandt Künstler und Werk, S.151 ff.

(Anm. 119) Für eine Versöhnung zwischen „deutschen und dänischen Herzen“ warb Hans Schmidt-Gorsblock 1943 in seiner Novelle „Der neunte April“, die sich auf den Einmarsch der deutschen Truppen 1940 bezog. Weber schuf hierfür den Titelholzschnitt sowie neun Illustrationen.

(Anm. 120) Brief von Weber an Schmidt-Gorsblock, 2.9.1933.

(Anm. 121) Vgl. den Brief von Weber an Hans Schmidt-Gorsblock, 30.11.1935.

(Anm. 122) Deutscher Volkskalender Nordschleswig. 1936, S.81.

(Anm. 123) Schon 1935 hatte man im Kalender das Soldaten-Motiv „Kameraden“ abgedruckt. Weber schrieb damals an Schmidt-Gorsblock: „Um uns braust das Manöver in der Lüneburger Heide. Das läßt mich fragen, ob Sie außer dem Heimatmotiv vielleicht auch noch ein rein soldatisches verwenden können. Es wirbt nicht, sondern schildert die Kameradschaft damals im Weltkrieg.“

(Anm. 124) Vgl. Lapp A. Paul Weber und Hans Schmidt-Gorsblock, S.17-62.

(Anm. 125) Ebd., Abb. 11.

(Anm. 126) Ebd., Abb. 6 (seitenverkehrt!) und Abb. 10.

(Anm. 127) Vgl. Schumacher Gebrauchsgraphik, Nr.155.

(Anm. 128) Brief von Weber an Hans Schmidt-Gorsblock, 2.4.1945.

(Anm. 129) Brief von Weber an Theo Schneider, 12.12.1945.

(Anm. 130) Brief von Toni Weber an Theo Schneider, 12.7.1944.

(Anm. 131) Brief von Weber an Theo Schneider, 12.12.1945.

(Anm. 132) Ebd.

(Anm. 133) Brief von Toni Weber an Alf Depser, 17.2.1945.

(Anm. 134) Brief von Toni Weber an Theo Schneider, 12.7.1944.



 





 

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